Harzreise im Winter
1777Dem Geier gleich, Der auf schweren Morgenwolken Mit sanftem Fittich ruhend Nach Beute schaut, Schwebe mein Lied.
Denn ein Gott hat Jedem seine Bahn Vorgezeichnet, Die der Glückliche Rasch zum freudigen Ziele rennt: Wem aber Unglück Das Herz zusammenzog, Er sträubt vergebens Sich gegen die Schranken Des ehernen Fadens, Den die doch bittre Schere Nur Einmal lös′t.
In Dickichts-Schauer Drängt sich das rauhe Wild, Und mit den Sperlingen Haben längst die Reichen In ihre Sümpfe sich gesenkt.
Leicht ist′s folgen dem Wagen, Den Fortuna führt, Wie der gemächliche Troß Auf gebesserten Wegen Hinter des Fürsten Einzug.
Aber abseits wer ist′s? In′s Gebüsch verliert sich sein Pfad, Hinter ihm schlagen Die Sträuche zusammen, Das Gras steht wieder auf, Die Öde verschlingt ihn.
Ach wer heilet die Schmerzen Des, dem Balsam zu Gift ward? Der sich Menschenhaß Aus der Fülle der Liebe trank! Erst verachtet, nun ein Verächter, Zehrt er heimlich auf Seinen eignen Wert In ung′nügender Selbstsucht.
Ist auf deinem Psalter, Vater der Liebe, ein Ton Seinem Ohre vernehmlich, So erquicke sein Herz! Öffne den umwölkten Blick Über die tausend Quellen Neben dem Durstenden In der Wüste.
Der du der Freuden viel schaffst, Jedem ein überfließend Maß, Segne die Brüder der Jagd Auf der Fährte des Wilds, Mit jugendlichem Übermut Fröhlicher Mordsucht, Späte Rächer des Unbilds, Dem schon Jahre vergeblich Wehrt mit Knütteln der Bauer.
Aber den Einsamen hüll′ In deine Goldwolken, Umgib mit Wintergrün, Bis die Rose wieder heranreift, Die feuchten Haare, O Liebe, deines Dichters!
Mit der dämmernden Fackel Leuchtest du ihm Durch die Furten bei Nacht, Über grundlose Wege Auf öden Gefilden; Mit dem tausendfarbigen Morgen Lachst du in′s Herz ihm; Mit dem beizenden Sturm Trägst du ihn hoch empor; Winterströme stürzen vom Felsen In seine Psalmen, Und Altar des lieblichsten Danks Wird ihm des gefürchteten Gipfels Schneebehangner Scheitel, Den mit Geisterreihen Kränzten ahndende Völker.
Du stehst mit unerforschtem Busen Geheimnisvoll offenbar Über der erstaunten Welt, Und schaust aus Wolken Auf ihre Reiche und Herrlichkeit, Die du aus den Adern deiner Brüder Neben dir wässerst.
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Interpretation
Das Gedicht "Harzreise im Winter" von Johann Wolfgang von Goethe thematisiert die verschiedenen Schicksale der Menschen und deren Beziehung zum Göttlichen. Der Sprecher vergleicht sich selbst mit einem Geier, der auf der Suche nach Beute ist, und schwebt mit seinem Lied durch die Welt. Es wird betont, dass jeder Mensch seinen vorbestimmten Weg hat, den er entweder schnell und glücklich oder mit Widerstand und Unglück verfolgt. Während die Reichen und Glücklichen leicht ihrem Weg folgen können, verschwindet der Einsame im Dickicht und wird von der Öde verschluckt. Der zweite Teil des Gedichts richtet den Blick auf den Schmerz des Einsamen, der aus Liebe Hass entwickelt hat und in selbstsüchtiger Isolation lebt. Der Sprecher fleht den "Vater der Liebe" an, diesem Menschen zu helfen und seinen Blick für die Quellen der Erfrischung in der Wüste zu öffnen. Gleichzeitig werden die "Brüder der Jagd" mit ihrem jugendlichen Übermut und ihrer fröhlichen Mordsucht gesegnet, die spät Rache an den Widrigkeiten des Lebens nehmen. Im letzten Teil des Gedichts wendet sich der Sprecher direkt an die Liebe, die den Dichter in Goldwolken hüllt, seine Haare mit Wintergrün umgibt und ihm als Fackel durch die Furten bei Nacht leuchtet. Die Liebe trägt den Dichter empor, lässt Winterströme in seine Psalmen stürzen und macht den Gipfel des Berges zum Altar des Dankes. Die Liebe wird als geheimnisvolle und unerforschliche Kraft dargestellt, die über der Welt steht und aus den Adern ihrer Brüder die Reiche und Herrlichkeit wässert.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Mit sanftem Fittich ruhend
- Anapher
- Mit der dämmernden Fackel Leuchtest du ihm Durch die Furten bei Nacht
- Anspielung
- Vater der Liebe
- Apostrophe
- Ach wer heilet die Schmerzen Des, dem Balsam zu Gift ward?
- Bildlichkeit
- Mit dem tausendfarbigen Morgen Lachst du in′s Herz ihm
- Enjambement
- Dem Geier gleich, Der auf schweren Morgenwolken Mit sanftem Fittich ruhend Nach Beute schaut, Schwebe mein Lied.
- Hyperbel
- Der du der Freuden viel schaffst, Jedem ein überfließend Maß
- Kontrast
- Leicht ist′s folgen dem Wagen, Den Fortuna führt, Wie der gemächliche Troß Auf gebesserten Wegen Hinter des Fürsten Einzug.
- Metapher
- Dem Geier gleich, Der auf schweren Morgenwolken Mit sanftem Fittich ruhend Nach Beute schaut
- Metonymie
- Mit dem beizenden Sturm Trägst du ihn hoch empor
- Personifikation
- Der du der Freuden viel schaffst, Jedem ein überfließend Maß
- Symbolik
- Harzreise im Winter
- Vergleich
- Dem Geier gleich