Harmonie

Louise Franziska Aston

1830

Das ist der Tag, der leuchtend aufgegangen! Nicht mehr verworr′ner Traum hält mich umfangen! Die Schattenbilder seh′ ich rings zerfließen, In′s weite Meer des Lichtes sich ergießen, Klangvoll hat Harmonie mein Herz durchdrungen; Mich hat ein echt′ und groß′ Gefühl bezwungen! Ihm gönne freudig ich des Sieges Recht, Es soll mein Herr für ew′ge Zeiten bleiben, Ein jeder Pulsschlag sei des Siegers Knecht;

O süßer Schmerz, so um die Freiheit klagen! O süße Knechtschaft, solche Fesseln tragen! Die kühn die Welt gefordert vor die Schranken, Kampflustige Gefühle und Gedanken, Des freien Geistes trotzige Vasallen, Sind machtlos jetzt dem neuen Bann verfallen! Unglücklich war ich, als ich Herrin war, Und spielte stolz mit Wünschen und mit Trieben; Doch Glück umfängt mich süß und wunderbar,

Einst waren mein der Erde reichste Güter, Der Stolz, die Freude thörichter Gemüther! Dem Uebermuth der Jugend hingegeben, Wagt′ ich zu tändeln mit dem ganzen Leben! In leichtem Spiel fühlt′ ich des Daseins Schwere, In vollem Reichthum meines Herzens Leere! Verschenkt war mein Gefühl, leer war mein Sinn, Und nur ein heißes Sehnen mir geblieben;

Bis ich die ganze Seele ihm verschrieben.

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Illustration zu Harmonie

Interpretation

Das Gedicht "Harmonie" von Louise Franziska Aston beschreibt eine tiefgreifende emotionale und spirituelle Transformation. Der Sprecher erlebt einen Aufbruch aus einem Zustand der Verwirrung und des Traums in ein neues Bewusstsein, das von Harmonie und Licht durchdrungen ist. Diese Transformation wird als ein Sieg über frühere, chaotische Gefühle und Gedanken dargestellt, die nun einer neuen, süßen Knechtschaft weichen. In den folgenden Strophen reflektiert der Sprecher über die Vergangenheit, in der er Herr seiner selbst war, aber unglücklich. Die Freiheit, die er einst genoss, erscheint nun als Last, und er findet Glück in einer neuen Form der Hingabe. Die Metapher der Knechtschaft wird positiv umgedeutet, da sie eine erfüllende und wunderbare Umarmung bedeutet. Das Gedicht schließt mit der Erkenntnis, dass der Sprecher seine Seele vollständig einem neuen Gefühl oder einer neuen Person gewidmet hat. Die frühere Leichtigkeit und das Spiel mit dem Leben haben einer tieferen, bedeutungsvolleren Erfahrung Platz gemacht. Die Leere und das heiße Sehnen der Vergangenheit sind nun durch eine erfüllende Verbindung ersetzt worden, die das gesamte Sein des Sprechers durchdringt.

Schlüsselwörter

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Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Dem Uebermuth der Jugend hingegeben
Bildsprache
Des freien Geistes trotzige Vasallen
Gegensatz
Doch Glück umfängt mich süß und wunderbar
Hyperbel
Ein jeder Pulsschlag sei des Siegers Knecht
Kontrast
O süßer Schmerz, so um die Freiheit klagen! O süße Knechtschaft, solche Fesseln tragen!
Metapher
Bis ich die ganze Seele ihm verschrieben
Parallelismus
Unglücklich war ich, als ich Herrin war, Und spielte stolz mit Wünschen und mit Trieben
Personifikation
Die Schattenbilder seh′ ich rings zerfließen