Hans Nord
1731Ein Mann, der sich auf vielerlei verstund, That durch den Druck in London kund, Daß er ein seltnes Kunststück wüßte, Und lud auf sein erbaut Gerüste Den künft′gen Tag die Bürger ein; Ließ einen engen Krug und sich in Kupfer stechen; In diesen Krug, war sein Versprechen, Kriech ich, Hans Nord, mit Kopf und Bein Um zehn Uhr durch den Hals hinein. Der Preis für einen Platz soll nur acht Groschen sein.
Nun ging das Blatt durch alle Gassen. “In einen Krug? Was? rast der Mann? Das soll er mir wohl bleiben lassen. Mit einem Wort, es geht nicht an; Der dümmste Kopf muß das verstehen: Allein acht Groschen wag′ ich dran. Komm′, Bruder, komm′, den Narren muß ich sehen!” Kurz, einer riß den andern fort. Dem Pöbel folgten schon Karossen um die Wette, Worin der Kaufmann und der Lord Aus Gründen der Physik bewiesen, daß Hans Nord Unmöglich Raum in einem Kruge hätte.
“Gesetzt auch”, wandte Lady ein, “Gesetzt, dies könnte möglich sein: So wird doch stets der Kluge fragen: Wie kömmt der Narr denn durch den Hals hinein? - Doch unser Kutscher schläft ganz ein, Fahrt zu, Johann! itzt wird es neune schlagen.”
Halb London saß nunmehr an dem bestimmten Ort Und sah den Krug erstaunt auf dem Theater stehen. “Wird nicht das Werk bald vor sich gehen?” Man wartet, pocht und lärmt. Indessen schlich Hans Nord Sich heimlich mit dem Gelde fort. Wer war nunmehr der größte Tor zu nennen? Nord oder eine halbe Stadt, Die sich, von Neugier blind, auf sein phantastisch Blatt Vor seine Bühne drängen können?
Du lachst; doch weißt du auch, daß du durch gröbre List So leicht, wohl leichter noch, zu hintergehen bist? Was braucht wohl ein Hans Nord, versehn zum Bücherschmieren, Was braucht er, um dich zu verführen? Ein wunderbares Titelblatt, Das den Betrug schon bei sich hat. Er will die ganze Welt durch Goldtinktur kurieren; Durch einen Schluß dich klug und glücklich demonstrieren; Sein gründlich Wörterbuch erspart dir das Studieren; Er lehrt ohn′ Umgang dich die Kunst zu konversieren; Er lehrt dich, ohne Müh′ sinnreich poetisieren; Dich ohne Kosten Wirtschaft führen; Und glücklich läßt du dich das Wunderbare rühren, Erstaunst und eilst und kaufst und liest - Was denn? - daß du betrogen bist.
Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Interpretation
Das Gedicht "Hans Nord" von Christian Fürchtegott Gellert handelt von einem Mann namens Hans Nord, der in London für Aufsehen sorgt, indem er ankündigt, in einen engen Krug zu kriechen. Er lockt die Bürger mit dem Versprechen dieses Kunststücks und verlangt acht Groschen Eintritt. Die Menschen sind neugierig und strömen herbei, um das Spektakel zu sehen, darunter auch Kaufleute, Lords und Damen, die aus physikalischen Gründen die Unmöglichkeit des Kunststücks diskutieren. Doch als die Zeit vergeht und nichts geschieht, schleicht sich Hans Nord heimlich mit dem Geld davon. Das Gedicht endet mit einer moralischen Frage, wer der größere Narr war: Hans Nord oder die halbe Stadt, die sich von seiner List täuschen ließ. Gellert zieht eine Parallele zu modernen Betrügern, die mit verlockenden Titeln und Versprechungen die Menschen täuschen, um sie zum Kauf nutzloser Bücher zu verleiten. Die Geschichte von Hans Nord dient als Allegorie für die menschliche Neugier und die Leichtgläubigkeit, die oft zu Enttäuschungen führt. Gellert kritisiert die Gesellschaft, die sich von Sensationen und Versprechungen blenden lässt, ohne kritisch zu hinterfragen. Das Gedicht endet mit einer Warnung an den Leser, der ebenfalls leicht durch ähnliche Täuschungen in die Irre geführt werden kann. Es zeigt, wie Menschen bereit sind, für das Versprechen von Wissen und Glück zu bezahlen, ohne die Wahrheit oder den Wert dessen, was angeboten wird, zu prüfen.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Allegorie
- Du lachst; doch weißt du auch, daß du durch gröbere List So leicht, wohl leichter noch, zu hintergehen bist?
- Hyperbel
- Halb London saß nunmehr an dem bestimmten Ort
- Ironie
- In diesen Krug, war sein Versprechen, Kriech ich, Hans Nord, mit Kopf und Bein Um zehn Uhr durch den Hals hinein
- Metapher
- Daß er ein seltnes Kunststück wüßte
- Personifikation
- Dem Pöbel folgten schon Karossen um die Wette
- Rhetorische Frage
- Wer war nunmehr der größte Tor zu nennen?