Hamlet
1837Als Hamlet hat sich unser großer Mime photographieren lassen, einen Schädel hält in den Händen er, und düster blickt er, unsäglich düster in die Welt hinein. So ist er in der Kunst- und Bilderhändler Schaufenstern überall bei uns zu sehn, und wer des Weges kommt, der bleibt bewundernd vor diesem Bildnis stehn und sagt zu sich: “Das ist er! O wie tief doch in die Rolle des Dänenprinzen hat sich unser Künstler hineingedacht! Das ist er wahrlich, wie er leibt’ und lebte. So sah Hamlet aus!”
Was dachte wohl bei sich der große Mann, als mit dem Schädel in den Händen er dem Photographen saß und dieser rief: “Jetzt geht es los, jetzt, bitte lieber Herr, recht freundlich aussehn!”
- Was er da gedacht, will ich verraten euch, doch sagt’s nicht weiter!
Es war Vormittag, und, der nahe Mahlzeit gedenkend, überlegte so der Mime: “Ob es heute wieder Klöße geben wird? Wenn dem so ist - und eine Ahnung sagt mir: Es wird heut Klöße geben - o, dann soll dreinschlagen doch ein Donnerwetter gleich. Dann will daheim ich einen Lärm vollführen und eine Szene machen meiner Gattin, dass ihr, so hoff ich, für geraume Zeit die Lust zum Klößekochen soll vergehn.”
So hat gedacht bei sich der große Mime, darum als Hamlet blickt so düster er.
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Interpretation
Das Gedicht "Hamlet" von Johannes Trojan handelt von einem Schauspieler, der sich als Hamlet, die Hauptfigur aus Shakespeares gleichnamigem Stück, fotografieren lässt. Dabei hält er einen Totenschädel in den Händen und blickt düster in die Welt. Das Gedicht beschreibt, wie dieses Bildnis in Schaufenstern zu sehen ist und die Betrachter beeindruckt von der tiefen Verinnerlichung des Schauspielers in seine Rolle sind. Der zweite Teil des Gedichts enthüllt die wahre Gedankenwelt des Schauspielers während der Fotosession. Anstatt über die Tragödie des dänischen Prinzen nachzudenken, sorgt er sich um das Mittagessen. Er hofft, dass es keine Klöße gibt, da er zu Hause einen "Lärm vollführen" und eine "Szene machen" möchte, um seiner Frau die Lust am Kochen von Klößen zu verderben. Das Gedicht verdeutlicht die Diskrepanz zwischen der tiefen Ernsthaftigkeit der Rolle Hamlets und den alltäglichen Sorgen des Schauspielers. Es zeigt, wie selbst in den tiefsten Rollen der Alltag weiterbesteht und die Gedanken des Schauspielers weit entfernt von der Figur sein können, die er darstellt. Die düstere Miene des Schauspielers als Hamlet ist also nicht Ausdruck tiefer Reflexion über das Stück, sondern das Ergebnis seiner Gedanken über das Mittagessen.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Anspielung
- Bezug auf Shakespeares 'Hamlet' und die berühmte Szene mit dem Totenschädel
- Bildsprache
- Beschreibung der düsteren Blicke und der Pose des Schauspielers
- Dramatisierung
- Die geplante Szene, die der Mime zu Hause aufführen will
- Ironie
- Der große Mime, der Hamlet spielt, denkt an Klöße statt an die tiefe Rolle des Dänenprinzen
- Kontrast
- Die düstere Pose Hamlets im Kontrast zu den alltäglichen Gedanken des Schauspielers an Klöße
- Metapher
- Hamlet als 'großer Mime' bezeichnet
- Personifikation
- Der Donnerwetter, der gleich dreinschlagen soll