Hamlet

Ferdinand Freiligrath

1844

Deutschland ist Hamlet! Ernst und stumm In seinen Toren jede Nacht Geht die begrabne Freiheit um Und winkt den Männern auf der Wacht. Dasteht die Hohe, blank bewehrt, Und sagt dem zaudrer, der noch zweifelt: “Sei mir ein Rächer, zieh dein Schwert! Man hat mir Gift ins Ohr geträufelt!”

Er horcht mit zitterndem Gebein, Bis ihm die Wahrheit schrecklich tagt; Von Stund’ an will er Rächer sein - Ob er es wirklich endlich wagt? Er sinnt und träumt und weiß nicht Rat; Kein Mittel, das die Brust ihm stähle! Zu einer frischen, mut’gen Tat Fehlt ihm die frische, mut’ge Seele!

Das macht, er hat zu viel gehockt; Er lag und las zu viel im Bett. Er wurde, weil das Blut ihm stockt, Zu kurz von Atem und zu fett. Er spann zu viel gelehrten Werg, Sein bestes Tun ist eben Denken; Er stak zu lang in Wittenberg, Im Hörsaal oder in den Schenken.

Drum fehlt ihm die Entschlossenheit; Kommt Zeit, kommt Rat - er stellt sich toll, Hält Monologe lang und breit, Und biringt in Verse Groll; Stutzt ihn zur Pantomime zu, Und fällt’s ihm einmal ein zu fechten: So muß Polonius-Kotzebue Den Stich empfangen - statt des Rechten.

So trägt er träumerisch sein Weh, Verhöhnt sich selber insgeheim, Läßt sich verschicken über See, Und kehrt mit Stichelreden heim; Verschießt ein Arsenla von Spott, Spricht von geflickten Lumpenkön’gen - Doch eine Tat! Behüte Gott! Nie hatt’ er eine zu beschön’gen!

Bis endlich er die Klinge packt, Ernst zu erfüllen seinen Schwur; Doch ach - das ist im letzten Akt Und streckt ihn selbst zu Boden nur! Bei den Erschlagnen, die sein Haß Preisgab der Schmach und dem Verderben, Liegt er entseelt, und Fortinbras Rückt klirrend ein, das Reich zu erben. -

Gottlob! noch sind wir nicht so weit! Vier Akte sahn wir spielen erst! Hab’ acht, Held, daß die Ähnlichkeit Nicht auch im fünften du bewährst! Wir hoffen früh, wir hoffen spät: O, raff’ dich auf und komm zu Streiche, Und hilf entschlossen, weil es geht, Zu ihrem Recht der flehnden Leiche!

Mach’ den Moment zunutze dir! Noch ist es Zeit - drein mit dem Schwert, Eh’ mit französischem Rapier Dich schnöd vergiftet ein Laert! Eh’ rasselnd naht ein nordisch Heer, Daß es für sich die Erbschaft nehme! O, sieh dich vor - ich zweifle sehr, Ob diesmal es aus Norweg käme!

Nur ein Entschluß! Aufsteht die Bahn - Tritt in die Schranken kühn und dreist! Denk’ an den Schwur, den du getan, Und räche deines Vaters Geist! Wozu dieses Grübeln für und für? Doch - darf ich schelten, alter Träumer? Bin ich ha selbst ein Stück von dir, Du ew’ger Zauderer und Säumer!

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Illustration zu Hamlet

Interpretation

Das Gedicht "Hamlet" von Ferdinand Freiligrath ist eine metaphorische Darstellung Deutschlands als Hamlet, des tragischen Helden aus Shakespeares gleichnamigem Stück. Deutschland wird als ernst und stumm charakterisiert, mit der begrabenen Freiheit, die jede Nacht umgeht und den Männern auf der Wacht zuwinkt. Die Hohe, symbolisch für die Freiheit, fordert einen Rächer auf, der sein Schwert ziehen soll, da ihr Gift ins Ohr geträufelt wurde. Deutschland, als Hamlet, horcht mit zitterndem Gebein, bis ihm die Wahrheit schrecklich bewusst wird. Er will Rächer sein, doch es bleibt fraglich, ob er es wirklich wagt. Er sinnt und träumt, findet aber keine Lösung. Ihm fehlt die frische, mutige Seele, um eine frische, mutige Tat zu vollbringen. Dies liegt daran, dass er zu viel gehockt, zu viel gelesen und zu viel in Wittenberg verbracht hat, sei es im Hörsaal oder in den Schenken. Er ist zu sehr in gelehrten Gedanken verfangen und hat die Entschlossenheit verloren. Das Gedicht endet mit einem Appell an Deutschland, den Moment zu nutzen und entschlossen zu handeln, bevor es zu spät ist. Es warnt vor dem französischen Rapier und dem nordischen Heer, die das Erbe an sich reißen könnten. Der Dichter fordert Deutschland auf, den Schwur zu erfüllen und den Geist des Vaters zu rächen. Er ermutigt zum Handeln und zur Überwindung des ewigen Zauderns und Säumens.

Schlüsselwörter

gen viel ernst geht rächer schwert endlich rat

Wortwolke

Wortwolke zu Hamlet

Stilmittel

Apostrophe
Dasteht die Hohe, blank bewehrt
Ausruf
Gottlob! noch sind wir nicht so weit!
Metapher
Du ew'ger Zauderer und Säumer!
Personifikation
In seinen Toren jede Nacht Geht die begrabne Freiheit um
Rhetorische Frage
Doch - darf ich schelten, alter Träumer?