Halbgötter
unknownSogar die Prinzen können reimen, Das ist sehr sonderbar, Da sie von anderm Holze keimen, Und wunschlos, ganz und gar.
Sie haben auch nicht Leidenschaften, Da Speise nicht gebricht; Gefühllos sind die Vielbegafften, Da ruhig ihr Gesicht.
Nur merkwürdig, dass sie unpässlich Zuweilen sind, und krank, Verwachsen, witzig, taub und hässlich, Und fett und breit und schlank,
So menschenhaft in allen Stücken! Nur Sorgen gibt es nie, Für lahme Denker Eselsbrücken, Da spielt man dann Genie.
Nur sonderbar: es furchen Falten Die Stirne doch; der Mund, Trotz allem Lächeln, Ruhighalten, Er zuckt, wie seelenwund.
Und eigen, dass ergraut die Haare, Die Kummer nicht gebleicht, Und dass die schlimme Totenbahre Vor ihnen nicht entweicht.
Daß sie sogar die Farbe ändern, Als hätten sie gefühlt, Und dass noch unter Prachtgewändern Blut in den Adern spült;
Wenngleich von anderm Holz entsprossen, Und aller Schmerzen bar - Warum ist, was ins Lied sie gossen, Meist traurig? - Sonderbar!
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Interpretation
Das Gedicht "Halbgötter" von Carmen Sylva thematisiert die scheinbare Unnahbarkeit und Vollkommenheit von Prinzen und Adligen. Es beschreibt sie als Wesen, die von "anderem Holz" sind, also von Geburt an anders und wunschlos. Sie seien leidenschaftslos, gefühllos und ruhig, da ihnen nichts fehlt. Doch dann stellt sich die Frage, warum sie trotzdem manchmal unpässlich, krank, verwachsen, witzig, taub, hässlich, fett, breit oder schlank sein können. Warum zeigen sie Falten im Gesicht, einen zuckenden Mund und graue Haare? Warum spült Blut in ihren Adern, obwohl sie von "anderem Holz entsprossen" und aller Schmerzen bar sein sollen? Das Gedicht deutet an, dass die Prinzen und Adligen doch menschlicher sind, als sie scheinen, und dass sie vielleicht sogar traurige Gefühle haben, die sich in ihren Gedichten widerspiegeln. Das Gedicht endet mit der Frage "Warum ist, was ins Lied sie gossen, meist traurig? - Sonderbar!" und lässt den Leser über die wahren Gefühle und das Innenleben der scheinbar perfekten Adligen rätseln. Die Sprache des Gedichts ist sehr bildhaft und metaphorisch. Die Metapher vom "anderen Holz" deutet auf die Andersartigkeit der Prinzen hin, die von Geburt an in eine privilegierte Position geboren werden. Die Beschreibung ihrer scheinbaren Vollkommenheit und Gefühllosigkeit wird durch rhetorische Fragen untergrabt, die auf ihre menschlichen Züge und mögliche Traurigkeit hinweisen. Die Wiederholung des Wortes "sonderbar" am Ende jeder Strophe unterstreicht das Unverständnis des lyrischen Ichs über die scheinbare Widersprüchlichkeit der Prinzen. Das Gedicht kann als Kritik an der Adelsgesellschaft und ihrer Fassade der Vollkommenheit gelesen werden. Es deutet an, dass auch die scheinbar perfekten Prinzen menschliche Gefühle und Sorgen haben, die sie in ihren Gedichten verarbeiten. Das Gedicht regt zum Nachdenken über die wahre Natur der Adligen und ihre Rolle in der Gesellschaft an und hinterfragt die Vorstellung von ihrer angeborenen Überlegenheit und Unnahbarkeit.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Hyperbel
- Sie haben auch nicht Leidenschaften, Da Speise nicht gebricht;
- Ironie
- Sogar die Prinzen können reimen, Das ist sehr sonderbar, Da sie von anderm Holze keimen, Und wunschlos, ganz und gar.
- Metapher
- Für lahme Denker Eselsbrücken, Da spielt man dann Genie.
- Personifikation
- Daß sie sogar die Farbe ändern, Als hätten sie gefühlt, Und dass noch unter Prachtgewändern Blut in den Adern spült;
- Rhetorische Frage
- Warum ist, was ins Lied sie gossen, Meist traurig? - Sonderbar!
- Wiederholung
- Und eigen, dass ergraut die Haare, Die Kummer nicht gebleicht, Und dass die schlimme Totenbahre Vor ihnen nicht entweicht.