Halbes Träumen

Adolf Glaßbrenner

1844

Schon ist Mitternacht vorüber. Draußen flötet Philomele; Wünsche, Hoffnungen, Gedanken Ziehen wirr durch meine Seele.

Wogend Herz, gib dich zur Ruhe, Laß’ die Sehnsucht endlich hafen! Laß’ den Steuermann, den Denker, Laß’ den müden Sänger schlafen!

Aber immer wilder wogt es, Höher schlägt es seine Wellen; Ach, am stumpfen, starren Felsen Wird mein leichtes Schiff zerschellen!

Rettung! Rettung! Weh, verloren! Weh, der große Mast, er bricht! Mit dem Schiffe geh’ ich unter, Hilfst du, Gott im Himmel, nicht!

Und umher greif’ ich verzweifelnd, Und ergreife das Register Von den neuen Ordensrittern, Unterzeichnet vom Minister.

Fort sind plötzlich die Gedanken; Still und ruhig ist’s im Herzen, Endlich, endlich kann ich schlafen! Und so lösch’ ich denn die Kerzen.

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Illustration zu Halbes Träumen

Interpretation

Das Gedicht "Halbes Träumen" von Adolf Glaßbrenner schildert einen nächtlichen Zustand der Unruhe und Sehnsucht. Der Sprecher liegt wach, während die Mitternacht vorübergegangen ist und die Nachtigall (Philomele) draußen flötet. Seine Seele ist von wirren Gedanken, Wünschen und Hoffnungen erfüllt, die wie ein stürmisches Meer in ihm wogen. Er sehnt sich nach Ruhe und Schlaf, doch sein Herz schlägt unruhig, und er fürchtet, dass sein "leichtes Schiff" an einem stumpfen Felsen zerschellen könnte. Die zweite Strophe verdeutlicht die Verzweiflung des Sprechers, der um Rettung fleht, da der Mast seines Schiffes bricht und er unterzugehen droht. In seiner Verzweiflung greift er nach einem Register der neuen Ordensritter, das vom Minister unterzeichnet wurde. Diese Handlung symbolisiert möglicherweise einen Versuch, Trost oder Ablenkung in der Welt der Politik oder des Adels zu finden. Die letzte Strophe zeigt eine überraschende Wendung. Die Gedanken des Sprechers sind plötzlich fort, und sein Herz wird ruhig. Er kann endlich schlafen und löscht die Kerzen. Diese plötzliche Beruhigung könnte darauf hindeuten, dass die Beschäftigung mit dem Register oder die Erkenntnis, dass es wichtigere Dinge im Leben gibt als seine persönlichen Sorgen, ihm geholfen hat, zur Ruhe zu kommen. Das Gedicht endet mit der Erleichterung des Sprechers, der nun endlich schlafen kann.

Schlüsselwörter

laß endlich gedanken schlafen rettung weh mitternacht vorüber

Wortwolke

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Stilmittel

Metapher
Und so lösch' ich denn die Kerzen. - Kerzen als Metapher für das Ende des Tages oder der Gedanken
Personifikation
Wogend Herz, gib dich zur Ruhe - Das Herz wird als wogend und handelnd personifiziert