Hagens Sterbelied

Felix Dahn

1873

Nun werd ich sehr alleine! Die Fürsten liegen tot - Wie glänzt im Mondenscheine der Estrich blutig rot!

Die fröhlichen Burgunden, wie sie nun stille sind! Ich höre, wie aus Wunden das Blut in Tropfen rinnt.

Es steiget aus dem Hause ein Dunst von Blute schwer, Schon kreischen nach dem Schmause die Geier rings umher.

Es schläft der König Gunter in fieberwirrem Schlaf, Seit ihn vom Turm herunter ein spitzer Bolzen traf.

Und Volker liegt erschlagen; er lachte, wie er fiel: “Nimm all mein Erbe, Hagen, nimm du mein Saitenspiel.”

Er trug, vor Heunentücken geschirmt, die Fiedel traut Auf seinem sichern Rücken, den nie ein Feind geschaut.

Sie scholl wie Nachtigallen, wenn Volker sie gespannt: Wohl anders wird sie schallen in meiner harten Hand.

Vier Saiten sind zersprungen - drei haften noch daran! - Ich habe nie gesungen, ich bin kein Fiedelmann.

Doch treibt mich′s zu versuchen, wie Hagens Weise geht; Ich denk, ein gutes Fluchen. ist auch kein schlecht Gebet!

So sei′n verflucht die Weiber, Weib ist, was feig und schlecht: Hier um zwei weiße Leiber verdirbt Burgunds Geschlecht!

Und Fluch dem Wahngetriebe von Sitte, Liebe, Recht: Erlogen ist die Liebe, und nur der Hass ist echt.

Die Reue ist der Narren! Nur das ist Atmens wert, Im Tod noch auszuharren beim Groll, beim Stolz, beim Schwert

Und hätt′ ich zu beraten neu meine ganze Bahn, Ich ließe meiner Taten nicht eine ungetan.

Und käm, der Welt Entzücken, ein zweiter Siegfried her, Ich stieß′ ihm in den Rücken zum zweitenmal den Speer!

Was reißt ihr, feige Saiten? Versagt ihr solchem Sang? - Ha, wer mit mächt′gem Schreiten kommt dort den Hof entlang?

Das ist kein Heunenspäher, das dröhnt wie Schicksalsgang, Und näher, immer näher – ein Schatte riesenlang. -

Auf, Gunter, jetzt erwache, den Schritt kenn ich von fern: Auf, auf! der Tod, die Rache und Dietrich kommt von Bern!

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Illustration zu Hagens Sterbelied

Interpretation

Das Gedicht "Hagens Sterbelied" von Felix Dahn ist ein eindringliches und düsteres Werk, das die letzten Momente des tragischen Helden Hagen schildert. Es zeichnet ein Bild der Verwüstung und des Todes, das nach einer blutigen Schlacht zurückbleibt. Hagen, der einzige Überlebende, blickt auf die leblosen Körper der Fürsten und den blutgetränkten Boden, was eine Atmosphäre des Grauens und der Einsamkeit schafft. Die Erwähnung der Geier, die sich auf das bevorstehende Festmahl vorbereiten, unterstreicht die Endgültigkeit des Todes und die Brutalität der Szenerie. Die Figur des Hagen wird als ein Mann dargestellt, der von Rache und Hass erfüllt ist. Seine Gedanken sind voller Verachtung für Frauen, die er als feige und verantwortlich für den Untergang des Burgundergeschlechts ansieht. Er verflucht die Ideale von Sitte, Liebe und Recht als Lügen und sieht nur den Hass als authentisch an. Diese nihilistische Weltsicht zeigt Hagens inneren Konflikt und seine Unfähigkeit, Reue zu empfinden. Stattdessen hält er an Stolz, Zorn und dem Schwert fest, was seine unerschütterliche Entschlossenheit und seinen ungebrochenen Willen zur Rache verdeutlicht. Das Gedicht endet mit einem dramatischen Höhepunkt, als Hagen die Annäherung Dietrichs von Bern hört. Diese Ankündigung des Todes und der Rache bringt die Erzählung zu einem fulminanten Abschluss. Hagen, der bis zuletzt unbeugsam bleibt, sieht in Dietrichs Ankunft die Erfüllung seines Schicksals. Das Werk vermittelt somit eine tiefe Einsicht in die Psyche eines tragischen Helden, der von seiner Vergangenheit und seinen Taten gezeichnet ist und bis zum bitteren Ende an seinen Überzeugungen festhält.

Schlüsselwörter

kein gunter volker nimm rücken nie saiten schlecht

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Stilmittel

Alliteration
Wie glänzt im Mondenscheine der Estrich blutig rot!
Anapher
Und Fluch dem Wahngetriebe von Sitte, Liebe, Recht:
Bildsprache
Es steiget aus dem Hause ein Dunst von Blute schwer
Kontrast
Ich habe nie gesungen, ich bin kein Fiedelmann.
Metapher
Es dröhnt wie Schicksalsgang
Personifikation
Ha, wer mit mächt'gem Schreiten kommt dort den Hof entlang?
Reimschema
Die Fürsten liegen tot - Wie glänzt im Mondenscheine der Estrich blutig rot!
Wiederholung
Ich ließe meiner Taten nicht eine ungetan.
Übertreibung
Und käm, der Welt Entzücken, ein zweiter Siegfried her, Ich stieß' ihm in den Rücken zum zweitenmal den Speer!