Guter Rath
1790Singt, Ihr jammervollen Dichter, Singt doch nimmer Liebeslieder; Sonnen steigen auf und nieder, Und Ihr zündet matte Lichter.
Quält Euch nicht mit leerem Drange, Wo Ihr arm und dürftig fühlet, Mühsam sinnt, im Haar Euch wühlet Um ein Bildchen zum Gesange!
Was als Handwerk Ihr getrieben, Gebt es auf und lernt Euch kennen! Euch zu nennen, Lernt vor allem Andern lieben!
Denn kein Lied läßt sich erzwingen, Noch der Gott im Busen binden; Bild und Wort wird leicht sich finden, Wenn die rechten Saiten klingen!
Wenn die Lieb’ Euch Lieder lehret, Werden sie sich göttlich künden; Im verwandten Herzen Jene Gluth, die Ihr entbehret!
Und damit Ihr mögt erkennen, Ob zu Liebeslust und Klagen Ihr der Töne Kampf dürft wagen, Will ich Euch die Zeichen nennen:
Singt Ihr, wandelnd in den Thalen, Müssen rings die Wälder tanzen, Felsen, Wiesen, Bäume, Pflanzen Müssen purpurrosig strahlen.
Singt Ihr auf der Alpen Spitzen, Muß das Eis von hundert Jahren Aufthaun, donnernd niederfahren Von den uralt ew’gen Sitzen.
Wenn Ihr singet auf den Meeren, Müssen, wie bei hohen Stürmen, Sich empor die Wogen thürmen, Sich die Tiefen aufwärts kehren.
Und singt Ihr der Liebe , Müssen Thränen aus den Steinen Fließen, und Hyänen weinen Wie bewegte Kinderherzen!
Und trifft keines dieser Zeichen, Lästert dann mit nicht’gem Triebe Nicht die hoh’ allmächt’ge Liebe, Die Ihr, schwach, nicht könnt erreichen!
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Interpretation
Das Gedicht "Guter Rath" von Joseph Christian von Zedlitz richtet sich an Dichter, die sich mit Liebesliedern abmühen, ohne echte Inspiration zu empfinden. Der Dichter rät ihnen, das erzwungene Schreiben aufzugeben und sich selbst zu erkennen. Er betont, dass wahre Poesie nicht erzwungen werden kann und dass die Muse nur dann erscheint, wenn das Herz wirklich berührt ist. Die zentrale Botschaft des Gedichts ist, dass Liebe die Quelle der Inspiration ist. Nur wer echte Liebe empfindet, kann auch wahre und göttliche Lieder schaffen. Der Dichter fordert die angehenden Poeten auf, die Liebe zuerst zu lieben, bevor sie über sie schreiben. Dies impliziert, dass die Qualität der Poesie direkt mit der Tiefe der empfundenen Emotionen verbunden ist. Zedlitz beschreibt eindrucksvoll die Zeichen wahrer poetischer Inspiration. Wenn ein Dichter von Liebe berührt ist, müssen die Wälder tanzen, die Berge erbeben und die Meere sich auftürmen. Selbst die Steine müssen weinen und die Hyänen wie Kinderherzen. Diese hyperbolischen Bilder verdeutlichen die transformative Kraft der Liebe und der damit verbundenen Poesie. Der Dichter warnt abschließend davor, die Liebe zu verhöhnen, wenn man diese Zeichen nicht spürt, da man sonst die allmächtige Kraft der Liebe missachtet.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Anapher
- Singt, Ihr jammervollen Dichter, Singt doch nimmer Liebeslieder; Sonnen steigen auf und nieder, Und Ihr zündet matte Lichter.
- Bildsprache
- Aufthaun, donnernd niederfahren Von den uralt ew'gen Sitzen
- Kontrast
- Und Ihr zündet matte Lichter
- Metapher
- Ihr zündet matte Lichter
- Personifikation
- Müssen rings die Wälder tanzen