Guter Rat

Heinrich Heine

1797

Laß dein Grämen und dein Schämen! Werbe keck und fordre laut, und man wird sich dir bequemen, und du führest heim die Braut.

Wirf dein Geld den Musikanten, denn die Fiedel macht das Fest; küsse deine Schwiegertanten, denkst du gleich: Hol euch die Pest!

Rede gut von einem Fürsten, und nicht schlecht von einer Frau; knickre nicht mit deinen Würsten, wenn du schlachtest eine Sau.

Ist die Kirche dir verhaßt, Tor, desto öfter geh hinein; zieh den Hut ab vor dem Pastor, schick ihm auch ein Fläschchen Wein.

Fühlst du irgendwo ein Jücken, kratze dich als Ehrenmann; wenn dich deine Schuhe drücken, nun, so zieh Pantoffeln an.

Hat versalzen dir die Suppe deine Frau, bezähm die Wut, sag ihr lächelnd: süße Puppe, alles was du kochst ist gut.

Trägt nach einem Schal Verlangen deine Frau, so kauf ihr zwei; kauf ihr Spitzen, goldne Spangen und Juwelen noch dabei.

Wirst du diesen Rat erproben, dann, mein Freund! geniessest du einst das Himmelreich dort oben, und du hast auf Erden Ruh.

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Illustration zu Guter Rat

Interpretation

Das Gedicht "Guter Rat" von Heinrich Heine ist eine satirische Abfolge von Ratschlägen, die auf den ersten Blick konventionelle Lebensweisheiten zu vermitteln scheinen. Doch bei genauerer Betrachtung offenbaren sich die tieferen Schichten der Ironie und Kritik. Heine nutzt die Maske des wohlmeinenden Ratgebers, um die gesellschaftlichen Normen und Erwartungen seiner Zeit zu entlarven. Die Ratschläge reichen von der Suche nach einer Ehefrau über den Umgang mit Geld und Musikern bis hin zu den Umgangsformen mit Fürsten, Frauen und religiösen Autoritäten. Heine zeigt auf, wie man sich in der Gesellschaft durchsetzen kann, indem man bestimmte Verhaltensweisen an den Tag legt. Doch diese Verhaltensweisen sind oft heuchlerisch und manipulativ, wie das Loben von Fürsten oder das Vortäuschen von Wohlwollen gegenüber Schwiegermüttern. Das Gedicht endet mit dem Versprechen eines himmlischen Lohnes für diejenigen, die diese Ratschläge befolgen. Doch die Ironie liegt darin, dass die Befolgung dieser Ratschläge auf Erden bereits als "Ruhe" bezeichnet wird. Heine kritisiert somit eine Gesellschaft, in der der Schein wichtiger ist als die Wahrheit und in der man durch Anpassung und Heuchelei zum Erfolg gelangen kann.

Schlüsselwörter

frau gut zieh kauf laß grämen schämen werbe

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Stilmittel

Bedingungssatz
Wenn dich deine Schuhe drücken
Personifikation
Fühlst du irgendwo ein Jücken
Reimschema
AABB
Vorausdeutung
dann, mein Freund! geniessest du einst das Himmelreich dort oben