Guten Willens Ungeschick

Annette von Droste-Hülshoff

1844

Du scheuchst den frommen Freund von mir, Weil krank ich sei und sehr bewegt, Mein hell und blühend Lustrevier Hast du mit Dornen mir umhegt; Wohl weiß ich, daß der Wille rein, Daß eure Sorge immer wach, Doch, was ihn labt, was hindert, ach, Ein jeder weiß es nur allein.

Ich denke, wie ich einstens saß An eines Hügels schroffem Rain, Und sah ein schönes Kind, das las Sich Schneckenhäuschen im Gestein; Dann glitt es aus, ich sprang hinzu, Es hatte sich am Strauch gedrückt; Ich griff es an gar ungeschickt, Und abwärts rollte es im Nu;

Auf hob ich es, das weinend lag, Und grimmig weinend um sich fuhr, Und freilich, was es stieß vom Hag, Mein schlimmes Helfen war es nur. - Und an der Klippe stand ich auch, Bei Vogelbrut mit Flaumenhaar, Und drüber pfiff wie ein Korsar Ein Weihe hoch im Nebelrauch.

Nun blitzte wie ein Strahl heran Und immer näher schoß der Weih, Ich schwang das Tuch, den Mantel dann, Die jungen Vögel duckten scheu; Und aufwärts funkelnd, angstgepreßt, Wie Marder pfiffen sie so klar; Da ward mir endlich offenbar, Dies sei des Weihen eignes Nest.

So hab′ ich hundertmal gefühlt, Und tausendmal hab′ ich gesehn, Daß nichts so hart am Herzen wühlt Wo seine tiefsten Adern gehn, Als - zürne nicht, die Lippen drück′ Ich sühnend auf der Lippen Rand - Als eine liebe rasche Hand In guten Willens Ungeschick.

Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Illustration zu Guten Willens Ungeschick

Interpretation

Das Gedicht "Guten Willens Ungeschick" von Annette von Droste-Hülshoff thematisiert die ungewollten negativen Folgen gut gemeinter Hilfe. Die lyrische Ich-Erzählerin fühlt sich von wohlmeinenden Freunden in ihrem Zustand der Krankheit und emotionalen Aufgewühltheit gestört und eingeschränkt. Sie sehnt sich nach dem "hell und blühend Lustrevier" ihrer früheren, unbeschwerten Lebensfreude, die ihr nun durch die Fürsorge der Freunde wie mit Dornen umhegt wird. In der zweiten Strophe schildert die Erzählerin eine Kindheitserinnerung, in der sie versucht, ein am Hang spielendes Kind vor dem Absturz zu bewahren, dabei aber ungeschickt vorgeht und das Kind stattdessen den Hang hinunterrollen lässt. In der dritten Strophe erinnert sie sich an einen weiteren Vorfall, bei dem sie versucht, junge Vögel vor einem Weihen zu schützen, dabei aber versehentlich das Nest des Weihen bedroht. Diese Beispiele verdeutlichen, wie gut gemeinte Hilfe oft unerwünschte Folgen hat. Die letzte Strophe fasst die Erkenntnis der Erzählerin zusammen, dass nichts so schmerzhaft ist wie eine "liebe rasche Hand in guten Willens Ungeschick". Die abschließende Bitte, nicht zornig zu sein, und das Bild der sich küssenden Lippen deuten darauf hin, dass die Erzählerin sich bewusst ist, dass ihre Worte möglicherweise verletzend wirken könnten. Das Gedicht vermittelt eine tiefere Einsicht in die Komplexität menschlicher Beziehungen und die Schwierigkeit, anderen in ihrem Leid beizustehen, ohne sie unabsichtlich zu verletzen oder zu belasten.

Schlüsselwörter

weiß weinend hab lippen scheuchst frommen freund krank

Wortwolke

Wortwolke zu Guten Willens Ungeschick

Stilmittel

Alliteration
Und abwärts rollte es im Nu
Bildlichkeit
An eines Hügels schroffem Rain
Enjambement
Da ward mir endlich offenbar, / Dies sei des Weihen eignes Nest.
Hyperbel
So hab' ich hundertmal gefühlt, Und tausendmal hab' ich gesehn
Kontrast
zürne nicht, die Lippen drück' / Ich sühnend auf der Lippen Rand
Metapher
Lustrevier
Personifikation
Du scheuchst den frommen Freund von mir
Symbolik
Weihe
Vergleich
Wie Marder pfiffen sie so klar