Gute Nacht
1790»Mein Töchterchen, die Spindel ist noch leer, Ich glaube gar, Du schläfst? still steht Dein Rädchen!« »»Großmutter, ach! das Herz ist mir so schwer, Ich bin doch recht ein arm verlassen Mädchen!««
»Denk’ an Dein Garn und laß das Grämen seyn!« – »»Großmutter, ach! wozu denn feine Hemde? Mein Hochzeitbett wird doch der Kirchhof seyn! Warum zog doch mein Liebster in die Fremde? –««
»Er ist, wie alle die Gesellen sind: Die Unruh’ treibt sie fort, läßt sie nicht weilen; Sie kommen an und gehen mit dem Wind, Und mit dem Wind muß man ihr Lieben theilen! –«
»»Gewiß, wollt’ er von mir, so war’s nicht recht, Daß er mich erst wie seine Braut geküsset! Warum ist er so lieb und doch so schlecht? Ach, daß so schwer mein armes Herz nun büßet! –««
»Mein Töchterchen, das Licht ist ausgebrannt, ‘S ist Zeit, daß wir uns nun zu Bette legen! Denk’ nicht an ihn, vergiß den Liebestand, Schlag still ein Kreuz und sprich den Abendsegen!«
»»Lieb’ Mütterchen, nun tausend gute Nacht! – Sonst, wenn sie schlief, ist heimlich er gekommen! Ach guter Gott, wer hätte das gedacht! Nun ist’s zu spät; was kann mein Weinen frommen? –««
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Interpretation
Das Gedicht "Gute Nacht" von Joseph Christian von Zedlitz erzählt eine tragische Geschichte über unerfüllte Liebe und den Schmerz einer jungen Frau, die von ihrem Geliebten verlassen wurde. In einem Gespräch zwischen der Großmutter und ihrer Enkelin wird deutlich, dass die junge Frau verzweifelt ist, da ihr Liebster in die Ferne gezogen ist und sie nun allein zurückbleibt. Die Großmutter versucht, sie zu trösten und ihr zu raten, sich auf ihre Arbeit zu konzentrieren und den Liebestand zu vergessen. Die Enkelin ist jedoch untröstlich und hinterfragt die Gründe für das Verhalten ihres Liebsten. Sie fühlt sich betrogen und hintergangen, da er sie geküsst hat, als wäre sie seine Braut, und sie nun mit gebrochenem Herzen zurücklässt. Die Großmutter versucht, ihr zu erklären, dass Männer oft unbeständig sind und ihre Liebe mit dem Wind teilen müssen, aber die Enkelin kann diese Erklärung nicht akzeptieren. Am Ende des Gedichts ist die Enkelin allein in ihrem Zimmer und denkt an die heimlichen Besuche ihres Liebsten, als sie schlief. Sie erkennt, dass es zu spät ist, um ihre Tränen noch zu nutzen, und dass sie nun allein mit ihrem Schmerz leben muss. Das Gedicht endet mit einem beklemmenden Gefühl der Einsamkeit und Verzweiflung, das den Leser tief berührt.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Hyperbel
- Die Aussage, dass das Herz nun büßen muss, übertreibt die emotionale Schmerz.
- Kontrast
- Die Beschreibung des Liebsten als sowohl lieb als auch schlecht.
- Metapher
- Das Herz wird als schwer beschrieben, was die emotionale Last symbolisiert.
- Personifikation
- Die Unruh' wird als etwas dargestellt, das die Gesellen treibt und mit dem Wind geht.
- Symbolik
- Die leere Spindel symbolisiert unerfüllte Erwartungen oder Aufgaben.