Gruß aus Örterreich
1845Ihr Brüder dort in fernem Reich, Die ihr im Lichte schreitet, Die ihr, an Geist und Liebe gleich, Die Freiheit kühn erstreitet.
Ich grüß auch laut im Dämmerschein, Der Oesterreich umsaumet, Der morgenrot und morgenrein Zu uns herüberträumet.
O stralte doch das helle Licht Auch bald auf uns hernieder, Das Kerker lüftet, Ketten bricht, Und Liebe bringt und Lieder.
O brach ins schöne Oesterreich Herein der Stral der Liebe, Der in die Herzen flammengleich, Das Wort der Freiheit schriebe!
Jüngst träumte mir in der Nacht, Ich stünde vor dem Throne, Umgeben rings von Kaiserpracht, Vor Habsburgs jüngstem Sohne
Und klagte bitter, klagte schwer Ob all der Last der Ketten, Und still vertrauend rief ich: Herr, Du kannst uns alle retten!
Du kannst uns geben, was uns fehlt, Du kannst die Schmerzen lindern, Den Jammer töten, der uns quält — Kannst Vater sein den Kindern!
Da sah mich stumm der Kaiser an, Als wollt er mich befragen — Du rätselhafter, kranker Mann, Was sollen deine Klagen? —
Und weißt du nicht, was ich dir will, So muß ichs offen sagen: Frei will ich sein! dann bin ich still, Dann will ich nimmer klagen.
Ich will, daß ihr nicht, Schergen gleich, Das Wort im Mund erwürget, Will eine Satzung für das Reich, Die Treu und Recht verbürget.
Ich will, daß einmal ihr begreift, Daß nur in freien Lüften Die Geistesfrucht zum Segen reift Und nicht in Kerkergrüften.
Ich will das Lied, das vor mir schon Dem Vater ward gesungen, Dem Sohne legen vor den Thron, Als Wort von tausend Zungen.
Ich will, daß ihr nicht Narrheit nennt Des freien Sinnes Streben, Daß ihr nicht ins Verderben rennt, Da ringsum frisches Leben! —
So rief ich laut — und als ich kam Vom Throne abgetreten, Da weckte mich aus meinem Traum Gerassel schwerer Ketten.
Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Interpretation
Das Gedicht "Gruß aus Österreich" von Hermann Rollett ist ein leidenschaftliches Plädoyer für Freiheit und Gerechtigkeit. Der Dichter richtet sich an seine "Brüder" in fernen Ländern, die bereits im Licht der Freiheit leben und diese mutig erstreiten. Er selbst befindet sich in Österreich, einem Land, das noch im "Dämmerschein" verharrt, aber von dem er hofft, dass auch dort bald das "helle Licht" der Freiheit Einzug halten wird. Der Dichter träumt von einem Österreich, in dem Ketten gebrochen und Liebe und Freiheit Einzug halten. In einem Traum steht der Dichter vor dem Thron des österreichischen Kaisers und klagt bitter über die Last der Ketten, die das Volk bedrücken. Er appelliert an den Kaiser, der als Vaterfigur die Macht hat, das Volk zu retten und ihm zu geben, was es braucht. Der Kaiser schaut ihn jedoch stumm an, als wolle er ihn befragen. Der Dichter antwortet, dass er frei sein will, und erst dann wird er still sein und nicht mehr klagen. Der Dichter fordert eine Satzung für das Reich, die Treue und Recht verbürgt, und dass die Menschen begreifen, dass die Frucht des Geistes nur in freien Lüften gedeiht und nicht in Kerkern. Er will, dass das Lied von Freiheit und Gerechtigkeit, das dem Vater des Kaisers dargebracht wurde, auch dem Sohn vorgetragen wird. Der Dichter warnt davor, den Streben nach freiem Geist als Narrheit zu bezeichnen und in das Verderben zu rennen, während überall neues Leben erwacht. Das Gedicht endet damit, dass der Dichter aus seinem Traum erwacht und das Gerassel schwerer Ketten hört, was darauf hindeutet, dass die Realität noch weit von der ersehnten Freiheit entfernt ist.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- schwerer Ketten
- Anapher
- Ich will, daß ihr nicht
- Hyperbel
- Umgeben rings von Kaiserpracht
- Kontrast
- Geistesfrucht und Kerkergrüften
- Metapher
- Da ringsum frisches Leben
- Personifikation
- Der morgenrot und morgenrein Zu uns herüberträumet
- Symbolik
- Morgenrot als Symbol für Hoffnung und Freiheit