Grüße

Annette von Droste-Hülshoff

1848

Steigt mir in diesem fremden Lande Die altbekannte Nacht empor, Klatscht es wie Hufesschlag vom Strande, Rollt sich die Dämmerung hervor Gleich Staubeswolken mir entgegen Von meinem lieben starken Nord, Und fühl′ ich meine Locken regen Der Luft geheimnisvolles Wort:

Dann ist es mir, als hör′ ich reiten Und klirren und entgegenziehn Mein Vaterland von allen Seiten, Und seine Küsse fühl′ ich glühn; Dann wird des Windes leises Munkeln Mir zu verworrnen Stimmen bald, Und jede schwache Form im Dunkeln Zur tiefvertrautesten Gestalt.

Und meine Arme muß ich strecken, Muß Küsse, Küsse hauchen aus, Wie sie die Leiber könnten wecken, Die modernden im grünen Haus; Muß jeden Waldeswipfel grüßen Und jede Heid′ und jeden Bach, Und alle Tropfen, die da fließen, Und jedes Hälmchen, das noch wach.

Du Vaterhaus mit deinen Türmen, Vom stillen Weiher eingewiegt, Wo ich in meines Lebens Stürmen So oft erlegen und gesiegt, - Ihr breiten laubgewölbten Hallen, Die jung und fröhlich mich gesehn, Wo ewig meine Seufzer wallen Und meines Fußes Spuren stehn!

Du feuchter Wind von meinen Heiden, Der wie verschämte Klage weint, - Du Sonnenstrahl, der so bescheiden Auf ihre Kräuter niederscheint, - Ihr Gleise, die mich fortgetragen, Ihr Augen, die mir nachgeblinkt, Ihr Herzen, die mir nachgeschlagen, Ihr Hände, die mir nachgewinkt!

Und Grüße, Grüße, Dach, wo nimmer Die treuste Seele mein vergißt Und jetzt bei ihres Lämpchens Schimmer Für mich den Abendsegen liest, Wo bei des Hahnes erstem Krähen Sie matt die graue Wimper streicht Und einmal noch vor Schlafengehen An mein verlaßnes Lager schleicht!

Ich möcht′ euch alle an mich schließen, Ich fühl′ euch alle um mich her, Ich möchte mich in euch ergießen Gleich siechem Bache in das Meer; O wüßtet ihr, wie krankgerötet, Wie fieberhaft ein Äther brennt, Wo keine Seele für uns betet Und keiner unsre Toten kennt!

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Illustration zu Grüße

Interpretation

Das Gedicht "Grüße" von Annette von Droste-Hülshoff ist eine lyrische Betrachtung über die Sehnsucht nach der Heimat und den tiefen emotionalen Bezug zur eigenen Herkunft. Die Dichterin beschreibt, wie sie in einem fremden Land von Erinnerungen an ihre Heimat überwältigt wird, wenn die Nacht hereinbricht und die Luft eine geheimnisvolle Botschaft zu tragen scheint. Diese Empfindung lässt sie glauben, dass ihr Vaterland von allen Seiten her zu ihr ruft und sie die Küsse ihrer Heimat spüren kann. In den folgenden Versen wird die Intensität dieser Sehnsucht noch verstärkt. Die leisen Geräusche des Windes verwandeln sich in verwirrte Stimmen, und die schwachen Formen im Dunkeln werden zu tief vertrauten Gestalten. Die Dichterin fühlt sich dazu getrieben, ihre Arme auszustrecken und Küsse in die Luft zu hauchen, als könnten sie die Toten im grünen Haus wecken. Sie grüßt jeden Waldeswipfel, jede Heide, jeden Bach, jeden fließenden Tropfen und jedes wache Grashälmchen. Im letzten Teil des Gedichts richtet die Dichterin ihre Grüße an ihr Vaterhaus mit seinen Türmen, an die breiten, laubgewölbten Hallen, an den feuchten Wind von ihren Heiden, an den bescheidenen Sonnenstrahl, an die Gleise, die sie fortgetragen haben, an die Augen, die ihr nachgeblinkt haben, an die Herzen, die für sie geschlagen haben, und an die Hände, die ihr nachgewinkt haben. Besonders berührt ist sie von dem Dach, unter dem die treueste Seele ihre Abendgebete für sie liest und sich vor dem Schlafengehen noch einmal an ihr verlassenes Lager schleicht. Die Dichterin sehnt sich danach, all diese Dinge an sich zu schließen und sich in ihnen zu ergießen wie ein kranker Bach im Meer. Sie betont, wie fieberhaft ein Äther brennt, in dem keine Seele für sie betet und niemand ihre Toten kennt.

Schlüsselwörter

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Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Die Wiederholung des 's' in 'Seufzer wallen' und 'Spuren stehn'.
Anapher
Die Wiederholung von 'Grüße' und 'Ich' am Anfang mehrerer Verse.
Apostrophe
Der Sprecher wendet sich direkt an abwesende oder unbelebte Dinge wie 'Du Vaterhaus mit deinen Türmen' und 'Ihr breiten laubgewölbten Hallen'.
Enjambement
Der Gedankenfluss setzt sich über Zeilengrenzen hinweg fort, z.B. 'Wo ich in meines Lebens Stürmen / So oft erlegen und gesiegt'.
Hyperbel
Der Sprecher möchte 'Küsse, Küsse hauchen aus' und sich in die Landschaft 'ergießen'.
Metapher
Die Nacht wird als 'altbekannt' personifiziert und als etwas, das 'steigt', beschrieben.
Personifikation
Die Dämmerung 'rollt sich hervor' wie Staubwolken, und die Luft hat ein 'geheimnisvolles Wort'.
Rhetorische Frage
Die letzten Zeilen fragen, ob der Leser weiß, wie es sich anfühlt, fern von der Heimat zu sein.
Symbolik
Der 'Vaterhaus' und die 'Türme' symbolisieren die Heimat und die Vergangenheit des Sprechers.
Synästhesie
Die Kombination von 'feuchter Wind' und 'weint' verbindet das Tastsinnliche mit dem Visuellen.
Vergleich
Die Dämmerung wird mit 'Staubeswolken' verglichen.