Großmutter

Friedrich Hebbel

1813

Mit Ehrfurcht stand ich einst vor dir, In einer ernsten Stunde; Den Segen, fromm, erbat ich mir Von deinem heil′gen Munde. Du sahst nicht mehr, du hörtest kaum, Kalt wurden deine Hände, Und, sprachst du, war′s, als ob im Traum Ein Toter Worte fände.

Du strichst die Locken mir zurück, Dann frugst du manche Sachen Und batest mich, dein letztes Glück Im Alter noch zu machen. »Sie sagten mir, du wärest tot!« Dumpf riefst du′s aus und weintest; Da ward mir klar in deiner Not, Daß du den Vater meintest.

Von seinem Leben sprachst du nun, Als wär′s mein eignes Leben; Ich sah ihn in der Wiege ruhn, Mit Wonne dich darneben; Ich gab durch manches schöne Jahr Gerührt ihm das Geleite; Ich sah ihn endlich am Altar, An meiner Mutter Seite.

Manch schlichtes Glück erfreute ihn, Ich wurde ihm geboren; Mein Bruder dann; jetzt aber schien Der Faden dir verloren. Du stocktest plötzlich, brachest ab Und frugst, was nun gekommen, Ich dachte an sein frühes Grab, Doch schwieg ich, tief beklommen.

Du schluchztest, aufgetaut und weich, Als hättst du nichts vergessen, Und doch begannest du zugleich, Von einer Frucht zu essen. Den Stuhl zum Ofen schobst du dann, Dich wieder einsam wähnend, Und fingest laut zu beten an, Dein Haupt vorüber lehnend.

Ich aber sah von fern die Zeit Auch mein schon dunkel harren, Wo mir die Welt nichts weiter beut, Als Gräber aufzuscharren, Und, weil dem schlotternden Gebein Sich noch versagt das Bette, Ich, selbst verglüht, in Gottes Sein Mich still hinüber rette.

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Illustration zu Großmutter

Interpretation

Das Gedicht "Großmutter" von Friedrich Hebbel schildert eine tief emotionale Begegnung zwischen dem lyrischen Ich und seiner Großmutter. In einer ernsten Stunde sucht das Ich den Segen der Großmutter, die bereits gebrechlich und nahe dem Tod ist. Die Szene ist geprägt von Ehrfurcht und einer stillen Traurigkeit, da die Großmutter kaum noch hört und ihre Hände kalt werden. Ihre Worte klingen wie die eines Menschen, der bereits im Jenseits weilt, was die Endgültigkeit des Lebens und die Nähe des Todes unterstreicht. Die Großmutter verwechselt das Ich mit ihrem verstorbenen Sohn, dem Vater des lyrischen Ichs. In ihrer Verwirrung erzählt sie von den schönen Jahren des Vaters, von seiner Kindheit, seiner Hochzeit und der Geburt ihrer Kinder. Diese Erzählung ist geprägt von Nostalgie und tiefem Schmerz, da sie den Verlust ihres Sohnes noch immer nicht überwunden hat. Die plötzliche Unterbrechung ihres Erzählflusses und das anschließende Schluchzen der Großmutter verdeutlichen die emotionale Zerrissenheit und die unerträgliche Last des Verlustes. Das lyrische Ich reflektiert am Ende des Gedichts über die Vergänglichkeit des Lebens und die eigene Sterblichkeit. Es sieht sich selbst in der Zukunft als alten Menschen, der nichts mehr zu erwarten hat als das Aufscharren von Gräbern. Die letzten Zeilen deuten auf eine resignierte Annahme des Todes hin, wobei das Ich hofft, in Gottes Sein still hinüberzuretten. Das Gedicht vermittelt somit eine tiefgründige Meditation über Leben, Tod und die unausweichliche Vergänglichkeit aller Dinge.

Schlüsselwörter

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Wortwolke

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Stilmittel

Anapher
Ich sah ihn in der Wiege ruhn, Mit Wonne dich darneben; Ich gab durch manches schöne Jahr Gerührt ihm das Geleite
Bildsprache
Weil dem schlotternden Gebein Sich noch versagt das Bette
Enjambement
Von seinem Leben sprachst du nun, Als wär's mein eignes Leben
Metapher
Wo mir die Welt nichts weiter beut, Als Gräber aufzuscharren
Personifikation
Kalt wurden deine Hände
Vergleich
Du schluchztest, aufgetaut und weich, Als hättst du nichts vergessen