Große Wanderschaft
1821Wandern, wandern! Gestern dort und heute hier; Morgen, wohin ziehen wir? Wandern, wandern! Wißt ihr wohl das Losungswort, Das die Welt treibt fort und fort? Wandern, wandern! Sehet Sonne, Mond und Sterne, Wie die wandern all’ so gerne! Wandern, wandern! Auch die Erde macht sich auf Alle Jahr’ zum frischen Lauf. Wandern, wandern! Ei, so laß das Sitzen sein, Mensch, du mußt doch hinterdrein! Wandern, wandern! Kind und Jüngling, Mann und Greis, Also heißt die Lebensreis’. Wandern, wandern! Ei, wie schöne Kompanei! Fürstengunst und Frauentreu’! Wandern, wandern! Frau Fortuna führt uns an, Amor ist der zweite Mann. Wandern, wandern! Auch die Musen könnt ihr sehn All’ in Reiseschuhen gehn. Wandern, wandern! Mars fährt auf Aprillenwetter, Laune heißt des Ruhmes Vetter. Wandern, wandern! Liebes Herz, so zieh’ nur mit, Halte wacker Schritt und Tritt! Wandern, wandern! Heute hier und morgen dort, Und zu Haus an jedem Ort. Wandern, wandern! Regen, Sturm und Sonnenschein, Rebensaft und Gerstenwein. Wandern, wandern! Heute blond und morgen braun Ist mein Schätzchen anzuschaun. Wandern, wandern! Kalt und warm und schlicht und kraus, Bienenschwarm und Schneckenhaus. Wandern, wandern! Heut’ hab’ ich dies Lied erdacht, Morgen wird es ausgelacht. Wandern, wandern!
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Interpretation
Das Gedicht "Große Wanderschaft" von Wilhelm Müller ist eine Ode an die ständige Bewegung und Veränderung im Leben. Es vermittelt die Idee, dass das Wandern und Reisen ein universelles Prinzip ist, das sich in der Natur, den Himmelskörpern und im menschlichen Leben widerspiegelt. Das Gedicht beginnt mit der Feststellung, dass das Wandern ein ständiger Begleiter ist, der uns von gestern nach heute und morgen führt. Es wird betont, dass selbst die Sonne, der Mond und die Sterne diesem Prinzip folgen, ebenso wie die Erde auf ihrer jährlichen Reise um die Sonne. Der Mensch wird aufgefordert, sich diesem natürlichen Rhythmus anzupassen und nicht still zu sitzen. Im weiteren Verlauf des Gedichts werden verschiedene Aspekte des Lebens als Teil dieser "Wanderschaft" dargestellt. Von der Kindheit bis ins hohe Alter, von der Liebe bis zum Glück, von der Kunst bis zum Krieg - alles unterliegt dem Prinzip der ständigen Bewegung und Veränderung. Das Gedicht endet mit der Feststellung, dass selbst die Schöpfung von Kunst diesem Muster folgt, indem es heute entsteht und morgen vielleicht schon wieder vergessen ist.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Mars fährt auf Aprillenwetter
- Anapher
- Wandern, wandern!
- Hyperbel
- Kind und Jüngling, Mann und Greis
- Kontrast
- Kalt und warm und schlicht und kraus
- Metapher
- Das Leben ist eine Reise
- Oxymoron
- Bienenschwarm und Schneckenhaus
- Personifikation
- Frau Fortuna führt uns an
- Synästhesie
- Regen, Sturm und Sonnenschein