Groß-Stadt-Weihnachten
1890Nun senkt sich wieder auf die heim′schen Fluren die Weihenacht! die Weihenacht! Was die Mamas bepackt nach Hause fuhren, wir kriegens jetzo freundlich dargebracht.
Der Asphalt glitscht. Kann Emil das gebrauchen? Die Braut kramt schämig in dem Portemonnaie. Sie schenkt ihm, teils zum Schmuck und teils zum Rauchen, den Aschenbecher aus Emalch glase.
Das Christkind kommt! Wir jungen Leute lauschen auf einen stillen heiligen Grammophon. Das Christkind kommt und ist bereit zu tauschen den Schlips, die Puppe und das Lexikohn.
Und sitzt der wackre Bürger bei den Seinen, voll Karpfen, still im Stuhl, um halber zehn, dann ist er mit sich selbst zufrieden und im reinen: “Ach ja, son Christfest is doch ooch janz scheen!”
Und frohgelaunt spricht er vom ′Weihnachtswetter′, mag es nun regnen oder mag es schnein. Jovial und schmauchend liest er seine Morgenblätter, die trächtig sind von süßen Plauderein.
So trifft denn nur auf eitel Gück hienieden in dieser Residenz Christkindleins Flug? Mein Gott, sie mimen eben Weihnachtsfrieden … “Wir spielen alle. Wer es weiß, ist klug.”
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Interpretation
Das Gedicht "Groß-Stadt-Weihnachten" von Kurt Tucholsky beschreibt die Weihnachtszeit in der Großstadt. Es beginnt mit der Ankunft der Weihnachtszeit, die von den Müttern eingekauft und nun freundlich dargeboten wird. Der Asphalt ist glatt und die Braut kramt schüchtern in ihrem Portemonnaie, um Emil ein Geschenk zu machen - einen Aschenbecher aus emailliertem Glas. Das Christkind kommt und die jungen Leute lauschen auf einen stillen, heiligen Grammophon. Es ist bereit zu tauschen - den Schlips, die Puppe und das Lexikon. Der biedere Bürger sitzt bei seiner Familie, voll von Karpfen und zufrieden mit sich selbst. Er findet das Weihnachtsfest auch ganz schön und spricht vom Weihnachtswetter, egal ob es regnet oder schneit. Er liest jovial seine Morgenblätter, die voller süßer Plaudereien sind. Das Gedicht fragt, ob das Christkindlein wirklich auf ewiges Glück trifft, wenn es in diese Residenz fliegt. Der Autor deutet an, dass die Menschen nur den Weihnachtsfrieden nachahmen und alle mitspielen. Wer das erkennt, ist klug.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- „voll Karpfen, still im Stuhl“
- Anapher
- „die Weihenacht! die Weihenacht!“
- Bildsprache
- „den Aschenbecher aus Emalch glase“
- Ironie
- „Wir spielen alle. Wer es weiß, ist klug“
- Kontrast
- „mag es nun regnen oder mag es schnein“
- Metapher
- „auf einen stillen heiligen Grammophon“
- Personifikation
- „Der Asphalt glitscht“
- Reimschema
- Das Gedicht verwendet ein unregelmäßiges Reimschema, das den chaotischen und ungezwungenen Charakter der städtischen Weihnachtsfeier widerspiegelt.
- Sprachliche Verfremdung
- „son Christfest is doch ooch janz scheen“
- Wortspiel
- „das Lexikohn“