Grenzen der Menschheit

Johann Wolfgang von Goethe

1781

Wenn der uralte, Heilige Vater Mit gelassener Hand Aus rollenden Wolken Segnende Blitze Über die Erde sät Küss ich den letzten Saum seines Kleides, Kindliche Schauer Treu in der Brust.

Denn mit Göttern Soll sich nicht messen Irgend ein Mensch. Hebt er sich aufwärts Und berührt Mit dem Scheitel die Sterne, Nirgends haften dann Die unsichern Sohlen, Und mit ihm spielen Wolken und Winde.

Steht er mit festen, Markigen Knochen Auf der wohlgegründeten Dauernden Erde, Reicht er nicht auf, Nur mit der Eiche Oder der Rebe Sich zu vergleichen.

Was underscheidet Götter von Menschen? Daß viele Wellen Vor jenen wandeln, Ein ewiger Strom: Uns hebt die Welle, Verschlingt die Welle, Und wir versinken.

Ein kleiner Ring Begrenzt unser Leben, Und viele Geschlechter Reihen sie dauernd, An ihres Daseins Unendliche Kette.

Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Illustration zu Grenzen der Menschheit

Interpretation

Das Gedicht "Grenzen der Menschheit" von Johann Wolfgang von Goethe handelt von der Unbedeutendheit des Menschen im Vergleich zu den Göttern und den natürlichen Kräften. Es beginnt mit einer ehrfürchtigen Anbetung des "Heiligen Vaters", der als göttliche Figur dargestellt wird, die mit "gelassener Hand" Blitze über die Erde sät. Der Sprecher küsst den Saum seines Kleides und empfindet kindliche Schauer in der Brust, was seine Demut und Ehrfurcht vor der göttlichen Macht ausdrückt. Im zweiten Teil des Gedichts wird die menschliche Hybris kritisiert, die darin besteht, sich mit den Göttern messen zu wollen. Wenn ein Mensch sich aufwärts bewegt und die Sterne berührt, verliert er den Boden unter den Füßen und wird von Wolken und Winden getrieben. Dies symbolisiert die Vergänglichkeit und Instabilität menschlicher Errungenschaften im Angesicht der ewigen und unveränderlichen Natur. Im dritten Teil des Gedichts wird die menschliche Begrenztheit weiter betont. Selbst wenn ein Mensch fest auf der Erde steht und mit Eiche oder Rebe verglichen wird, reicht er nicht an die Beständigkeit und Dauerhaftigkeit dieser natürlichen Elemente heran. Die letzte Strophe verdeutlicht den Unterschied zwischen Göttern und Menschen: Während die Götter von vielen Wellen begleitet werden und ein ewiger Strom sind, werden die Menschen von den Wellen des Lebens gehoben und verschlungen, und sie versinken schließlich in der Unendlichkeit der Zeit. Das Gedicht endet mit der Metapher des "kleinen Rings", der das menschliche Leben begrenzt, und der "unendlichen Kette" der Geschlechter, die sich aneinander reihen und so die Vergänglichkeit des Einzelnen in der Ewigkeit der Nachkommen aufheben.

Schlüsselwörter

wolken erde hebt viele welle uralte heilige vater

Wortwolke

Wortwolke zu Grenzen der Menschheit

Stilmittel

Anapher
Und viele Geschlechter Reihen sie dauernd
Bildsprache
Und mit ihm spielen Wolken und Winde
Hyperbel
Hebt er sich aufwärts Und berührt Mit dem Scheitel die Sterne
Metapher
Kindliche Schauer Treu in der Brust
Parallelismus
Verschlingt die Welle, Und wir versinken
Personifikation
Wenn der uralte, Heilige Vater Mit gelassener Hand Aus rollenden Wolken Segnende Blitze Über die Erde sät
Rhetorische Frage
Was unterschieidet Götter von Menschen?
Symbolik
Ein kleiner Ring Begrenzt unser Leben
Vergleich
Reicht er nicht auf, Nur mit der Eiche Oder der Rebe Sich zu vergleichen