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Greisenglück

Von

Wie man das Alter auch mag verklagen,
Wie viel Uebles auch von ihm sagen,
Die Ehre muß man ihm dennoch geben,
Daß es uns gönnt, noch das zu erleben,
Wie es thut, sich fühlt und schmeckt,
Wenn sie, die uns so toll geschreckt,
Verbellt, gejagt, durch die Wälder gehetzt,
Wenn sie nun endlich zu guter Letzt
Abläßt von ihrer keuchenden Beute,
Die Jägerin mit der grimmigen Meute,
Die wilde Jägerin Leidenschaft.
Es schmeckt wie ein kühlender Labesaft,
Es schmeckt wie ein Schläfchen nach Tische gut,
Wo man so sanft einnicken thut.
Also, ihr Leidenschaften, Ade!
Euer Abschied thut mir nicht weh!
Doch Eine will ich behalten, Eine:
Den Zorn auf das Schlechte, das Gemeine.

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Gedicht: Greisenglück von Friedrich Theodor Vischer

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Greisenglück“ von Friedrich Theodor Vischer feiert die Vorzüge des Alters, insbesondere die Befreiung von den Zwängen und Exzessen der Leidenschaft. Das Gedicht beginnt mit einer Anerkennung der negativen Aspekte des Alterns, eine gängige Klage in der menschlichen Erfahrung. Doch sofort erfolgt eine Wende, die das Alter als eine Phase der Gnade und des Friedens darstellt. Der Dichter ehrt das Alter für die Fähigkeit, die Stürme des Lebens, in diesem Fall die Leidenschaften, zu überwinden.

Das zentrale Bild des Gedichts ist die „wilde Jägerin Leidenschaft“, die metaphorisch für die stürmischen Emotionen steht, die das Leben junger Menschen beherrschen. Diese „Jägerin“ wird durch die Jagd nach „Beute“ dargestellt, eine Anspielung auf das Streben nach Vergnügen und Erfüllung, das oft mit Leidenschaften einhergeht. Das Alter, so die Aussage des Gedichts, ermöglicht es, diese „Jägerin“ zu überwinden und die Ruhe und Gelassenheit zu genießen, die nach dem Rücktritt der Leidenschaften einkehren. Der Vergleich mit einem kühlenden Labsal und einem sanften Schläfchen nach dem Essen unterstreicht das Gefühl von Frieden und Erleichterung.

Vischer verwendet eine einfache, direkte Sprache, die die Botschaft des Gedichts verstärkt. Die wiederholte Verwendung von „Es schmeckt“ deutet auf ein sensorisches Erleben des neu gewonnenen Friedens hin, das sich im Gegensatz zu den stürmischen Zeiten der Leidenschaft befindet. Die letzten Zeilen sind besonders aufschlussreich, da sie die Absage an die Leidenschaften mit einer Ausnahme verbinden: der Zorn auf das Schlechte und Gemeine. Diese Ausnahme zeigt, dass das Alter nicht unbedingt einen vollständigen Rückzug aus dem Leben bedeutet, sondern vielmehr eine Transformation, bei der die positiven und konstruktiven Aspekte des Lebens erhalten bleiben.

Insgesamt ist „Greisenglück“ ein Gedicht über Akzeptanz, Reife und die Wertschätzung der Ruhe und Gelassenheit, die das Alter bringen kann. Es feiert das Ende der wilden Jagd der Leidenschaften und preist die Freiheit von den Emotionen, die das Leben junger Menschen oft bestimmen. Das Gedicht ist ein Loblied auf die innere Gelassenheit und die Fähigkeit, die Welt mit einem ruhigen und weisen Blick zu betrachten, während gleichzeitig die moralische Entschlossenheit, sich gegen Ungerechtigkeit zu wehren, aufrechterhalten wird.

Weitere Informationen

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Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.