Gratia divinae pietatis
1914Alte Inschrift am Straßburger Münster.
Zuletzt, da alles Werk verrichtet, meinen Gott zu loben, Hat meine Hand die beiden Frauenbilder aus dem Stein gehoben. Die eine aufgerichtet, frei und unerschrocken – Ihr Blick ist Sieg, ihr Schreiten glänzt Frohlocken. Zu zeigen, wie sie freudig über allem Erdenmühsal throne, Gab ich ihr Kelch und Kreuzesfahne und die Krone. Aber meine Seele, Schönheit ferner Kindertage und mein tief verstecktes Leben Hab ich der Besiegten, der Verstoßenen gegeben. Und was ich in mir trug an Stille, sanfter Trauer und demütigem Verlangen Hab ich sehnsüchtig über ihren Kinderleib gehangen: Die schlanken Hüften ausgebuchtet, die der lockte Gürtel hält, Die Hügel ihrer Brüste zärtlich aus dem Linnen ausgewellt, Ließ ihre Haare über Schultern hin wie einen blonden Regen fließen, Liebkoste ihre Hände, die das alte Buch und den zerknickten Schaft umschließen, Gab ihren schlaffen Armen die gebeugte Schwermut gelber Weizenfelder, die in Julisonne schwellen, Dem Wandeln ihrer Füße die Musik von Orgeln, die an Sonntagen aus Kirchentürenquellen. Die süßen Augen mußten eine Binde tragen, Daß rührender durch dünne Seide wehe ihrer Wimpern Schlagen. Und Lieblichkeit der Glieder, die ihr weiches Hemd erfüllt, Hab ich mit Demut ganz und gar umhüllt, Daß wunderbar in Gottes Brudernähe Von Niedrigkeit umglänzt ihr reines Bildnis stehe.
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Interpretation
Das Gedicht "Gratia divinae pietatis" von Ernst Stadler beschäftigt sich mit der Schöpfung zweier Frauenfiguren am Straßburger Münster, die unterschiedliche Aspekte der göttlichen Liebe und menschlichen Erfahrung verkörpern. Die erste Figur steht für Triumph und Freude, symbolisiert durch ihren aufrechten Gang, den Kelch, die Kreuzesfahne und die Krone. Sie repräsentiert den Sieg über das irdische Leid und die erhabene Freude. Die zweite Figur hingegen ist von Demut, Sanftmut und tiefer Emotion geprägt. Der Sprecher hat ihr seine Seele, seine tiefsten Gefühle und Sehnsüchte geschenkt. Sie trägt die Last der Trauer, der Stille und des demütigen Verlangens. Ihre Gestalt ist zart und verletzlich, mit schlanken Hüften, zarten Brüsten und fließenden Haaren. Sie hält ein altes Buch und einen zerknitterten Schaft, Symbole für Wissen und vielleicht auch für Niederlage oder Verlust. Die zweite Figur ist durch eine Binde über den Augen gekennzeichnet, was ihre Sanftmut und ihre tiefe innere Empfindsamkeit unterstreicht. Ihre Lieblichkeit ist von Demut umhüllt, so dass ihr reines Bildnis in der Nähe Gottes von Niedrigkeit umglänzt. Sie verkörpert die sanfte, leidende Seite der göttlichen Liebe und die tiefe Verbundenheit mit dem menschlichen Dasein.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Bildsprache
- Lieblichkeit der Glieder, die ihr weiches Hemd erfüllt
- Metapher
- Niedrigkeit umglänzt ihr reines Bildnis
- Personifikation
- Ihr Blick ist Sieg, ihr Schreiten glänzt Frohlocken