Gräber an der Küste

Theodor Storm

1843

Mit Kränzen haben wir das Grab geschmückt, Die stille Wiege unsrer jungen Toten; Den grünsten Efeu haben wir gepflückt, Die spätsten Astern, die das Jahr geboten.

Hier ruhn sie waffenlos in ihrer Gruft, Die man hinaustrug aus dem Pulverdampfe; Vom Strand herüber weht der Meeresduft, Die Schläfer kühlend nach dem heißen Kampfe.

Es steigt die Flut; vom Ring des Deiches her Im Abendschein entbrennt der Wasserspiegel; Ihr schlafet schön! Das heimatliche Meer Wirft seinen Glanz auf euren dunklen Hügel.

Und rissen sie die Farben auch herab, Für die so jung ihr ginget zu den Bleichen, Oh, schlafet ruhig! Denn von Grab zu Grab Wehn um euch her der Feinde Wappenzeichen.

Nicht euch zum Ruhme sind sie aufgesteckt; Doch künden sie, daß eure Kugeln trafen, Daß, als ihr euch zur ew′gen Ruh gestreckt, Den Feind ihr zwanget, neben euch zu schlafen.

Ihr aber, denen ohne Trommelschlag Durch Feindeshand bereitet ward der Rasen, Hört dieses Lied! und harret auf den Tag, Daß unsre Reiter hier Reveille blasen! -

Doch sollte dieser heiße Lebensstreit Verlorengehn wie euer Blut im Sande Und nur im Reiche der Vergangenheit Der Name leben dieser schönen Lande:

In diesem Grabe, wenn das Schwert zerbricht, Liegt deutsche Ehre fleckenlos gebettet! Beschützen konntet ihr die Heimat nicht, Doch habt ihr sterbend sie vor Schmach gerettet.

Nun ruht ihr, wie im Mutterschoß das Kind, Und schlafet aus auf heimatlichem Kissen; Wir andern aber, die wir übrig sind, Wo werden wir im Elend sterben müssen!

Schon hatten wir zu festlichem Empfang Mit Kränzen in der Hand das Haus verlassen; Wir standen harrend ganze Nächte lang, Doch nur die Toten zogen durch die Gassen. -

So nehmet denn, ihr Schläfer dieser Gruft, Die spätsten Blumen, die das Jahr geboten! Schon fällt das Laub im letzten Sonnenduft - Auch dieses Sommers Kranz gehört den Toten.

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Illustration zu Gräber an der Küste

Interpretation

Das Gedicht "Gräber an der Küste" von Theodor Storm ist eine ergreifende Elegie für junge Soldaten, die im Krieg gefallen sind. Das Gedicht beginnt mit der Beschreibung, wie die Lebenden die Gräber der Toten mit Kränzen schmücken und sie mit Efeu und Astern bepflanzen. Die Gräber liegen friedlich am Meer, wo die salzige Brise über die Schläfer weht und sie nach dem heißen Kampf kühlt. Die Meeresflut spiegelt sich im Abendlicht und wirft ihren Glanz auf die dunklen Hügel der Gräber. Im weiteren Verlauf des Gedichts reflektiert der Sprecher über die Bedeutung der Wappenzeichen auf den Gräbern. Obwohl sie nicht zu Ehren der Gefallenen aufgestellt wurden, zeugen sie davon, dass die Kugeln der Soldaten ihr Ziel trafen und dass sie den Feind zwangen, neben ihnen zu schlafen. Der Sprecher richtet sich auch an diejenigen, die ohne Trommelschlag durch die Hand des Feindes starben, und ermutigt sie, auf den Tag zu warten, an dem die Reiter Reveille blasen werden. Das Gedicht endet mit einer düsteren Betrachtung der Zukunft. Der Sprecher fragt sich, wo die Überlebenden im Elend sterben müssen, während die Gefallenen in ihren Gräbern ruhen wie Kinder im Schoß ihrer Mutter. Die Lebenden hatten sich auf ein festliches Wiedersehen vorbereitet, doch nur die Toten zogen durch die Gassen. Das Gedicht schließt mit der Aufforderung, die späten Blumen des Jahres auf die Gräber zu legen, da auch der Kranz dieses Sommers den Toten gehört.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Alliteration
Für die so jung ihr ginget zu den Bleichen
Anapher
Doch sollte dieser heiße Lebensstreit
Bildsprache
Die spätsten Blumen, die das Jahr geboten
Enjambement
Vom Strand herüber weht der Meeresduft, Die Schläfer kühlend nach dem heißen Kampfe
Hyperbel
Wo werden wir im Elend sterben müssen!
Kontrast
Doch nur die Toten zogen durch die Gassen
Metapher
Die stille Wiege unsrer jungen Toten
Personifikation
Das heimatliche Meer wirft seinen Glanz auf euren dunklen Hügel
Symbolik
Mit Kränzen haben wir das Grab geschmückt