Grabschrift

Gertrud Kolmar

1894

Buntgefleckte Laster ducken Knechte, Reißen Beute hin mit Zahn und Krallen; Aber er, der Reine, der Gerechte, Ward gezeugt, als Opferlamm zu fallen.

Daß er wuchs und siegte, schien ein Greuel, Untat, die der Weltengang verkehrte, Schauderanblick, Basiliskenknäuel, Das sie schreckte, bannte und verzehrte,

Und sie rasten, angstbesessne Herde, Und erschlugen ihn mit Totenbeinen, Stampften ihn in Kehricht, Kalk und Erde. Immer sie, die Vielen. Ihn, den Einen.

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Illustration zu Grabschrift

Interpretation

Das Gedicht "Grabschrift" von Gertrud Kolmar ist eine tiefgründige Auseinandersetzung mit dem Thema Unschuld, Gerechtigkeit und Opfer. Es beschreibt eine Welt, in der die Bösen und Unreinen, symbolisiert durch "buntgefleckte Laster", herrschen und die Unschuldigen unterdrücken. Der "Reine, der Gerechte" wird als Opferlamm geboren, das für die Sünden der Welt büßen soll. Die zweite Strophe verdeutlicht die Reaktion der Welt auf die Reinheit und Gerechtigkeit des Opfers. Sein Wachstum und seine Siege werden als Greuel und Untat betrachtet, die den natürlichen Lauf der Welt stören. Die Welt reagiert mit Angst und Schrecken, ähnlich wie auf den Anblick einer Basilisk, einer mythischen Kreatur, deren Blick tödlich ist. Die Unschuld des Opfers wird als Bedrohung empfunden und führt zu seinem Untergang. In der letzten Strophe wird der gewaltsame Tod des Opfers beschrieben. Die "angstbesessne Herde" stürzt sich auf ihn und tötet ihn mit "Totenbeinen", ein Bild, das die Grausamkeit und den Mangel an Menschlichkeit der Täter unterstreicht. Das Opfer wird in den Schmutz getreten und vergessen, ein Symbol für die Gleichgültigkeit und Grausamkeit der Welt gegenüber Unschuld und Gerechtigkeit. Das Gedicht endet mit einer Betonung der Einsamkeit des Opfers, das sich gegen die Vielen behaupten musste, aber letztendlich unterlag.

Schlüsselwörter

buntgefleckte laster ducken knechte reißen beute hin zahn

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Stilmittel

Alliteration
Buntgefleckte Laster ducken Knechte
Hyperbel
Immer sie, die Vielen. Ihn, den Einen
Metapher
Opferlamm zu fallen
Personifikation
Schauderanblick, Basiliskenknäuel