Grabgesang
1802Vor des Friedhofs dunkler Pforte Bleiben Leid und Schmerzen stehn, Dringen nicht zum heil′gen Orte, Wo die sel′gen Geister gehn, Wo nach heißer Tage Glut Unser Freund im Frieden ruht.
Zu des Himmels Wolkentoren Schwang die Seele sich hinan, Fern von Schmerzen, neugeboren, Geht sie auf - die Sternenbahn; Auch vor jenen heil′gen Höhn Bleiben Leid und Schmerzen stehn.
Sehnsucht gießet ihre Zähren Auf den Hügel, wo er ruht: Doch ein Hauch aus jenen Sphären Füllt das Herz mit neuem Mut; Nicht zur Gruft hinab - hinan, Aufwärts ging des Freundes Bahn.
Drum auf des Gesanges Schwingen Steigen wir zu ihm empor, Unsre Trauertöne dringen Aufwärts zu der Sel′gen Chor, Tragen ihm in stille Ruh Unsre letzten Grüße zu.
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Interpretation
Das Gedicht "Grabgesang" von Wilhelm Hauff beschreibt die Überwindung von Trauer und Schmerz durch den Glauben an ein Leben nach dem Tod. Es beginnt mit der Vorstellung, dass Leid und Schmerzen vor dem Friedhofstor verweilen, da sie nicht zu den heiligen Orten vordringen können, wo die seligen Geister wandeln. Der Verstorbene findet hier Frieden und Ruhe nach den Mühen des Lebens. Im zweiten Teil wird die Seele des Verstorbenen dargestellt, die sich zu den himmlischen Toren aufschwingt und auf einer sternenklaren Bahn in eine neue Existenz eintritt. Auch hier bleiben Leid und Schmerzen vor den heiligen Höhen zurück, was die Vorstellung verstärkt, dass der Tod nicht das Ende, sondern ein Übergang zu einem schmerzfreien Dasein ist. Im letzten Teil des Gedichts wird die Trauer der Zurückgebliebenen thematisiert. Obwohl die Sehnsucht Tränen auf das Grab des Verstorbenen gießt, spendet ein Hauch aus den himmlischen Sphären neuen Mut. Die Bahn des Freundes führte nicht hinab in die Gruft, sondern aufwärts, was die Hoffnung auf ein Wiedersehen im Jenseits nährt. Der Gesang dient als Brücke, die die Trauernden zu den Seligen emporsteigen lässt und ihnen ermöglicht, dem Verstorbenen in stiller Ruhe ihre letzten Grüße zu überbringen.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- [Sehnsucht gießet ihre Zähren]
- Hyperbel
- [heißer Tage Glut]
- Metapher
- [Vor des Friedhofs dunkler Pforte Zu des Himmels Wolkentoren Sternenbahn]
- Personifikation
- [Leid und Schmerzen stehn]
- Symbolik
- [Himmels Wolkentoren Sternenbahn Gruft Gesanges Schwingen]