Gottes ewiger Ratschluss
1787Wir fielen tief, wir fielen tief; Du hast den Fall gesehen: Eh′ noch dein Wort der Erde rief, Und Sonnen hieß entstehen, Da sahst du schon der jungen Welt Die Einfalt, das Vergnügen, Stumm entfliegen; Sahst Adam auf dem Distelfeld, Und Abel blutig liegen.
Da sahst du schon dein Ebenbild Im Menschen fast verblichen; Sahst uns von Wahn und Laster wild, Und weit von dir entwichen. Sahst schon die allgemeine Fluth, Hört′st das Geächz der Seuchen, Und bei Leichen, Gemordet von der Krieger Wuth, Die Todtengräber keuchen.
Sahst schon Tyrannen in dem Sand Die heissen Wunden schlitzen, Und fluchend mit der bleichen Hand Ihr Blut gen Himmel sprützen; Sahst auf der Erde weitem Schooß Der Höllengötzen Larven: Dich verwarfen Die Deinen, Blut des Säuglings floß Beim Schall entweihter Harfen.
Sahst unter wilder Lüste Schwarm Erstickte Menschenseelen, Und, ach! verscheuchter Frommen Harm In dumpfen Felsenhöhlen: Hört′st Wuthgebrüll und Angstgeschrey, Und aus verruchten Rachen Spötter lachen;
Sahst Ehrsucht, Golddurst, Heuchelei, Die Welt zur Hölle machen.
Auch sahst du, Gott! den vollen Strom Des Bluts der Zeugen fliessen; Sahst schon Jerusalem und Rom Den Mord der Frommen büßen. Doch, ach! wer deckt den Jammer auf, Den du von deinen Höhen, Gott! gesehen?
Wer kennt des Wahns und Lasters Lauf, Und zählt der Erden Wehen?
Was solltest du, Weltrichter, thun? Die Sünderwelt zerstäuben? Die Frevler all′ mit ihrem Thun In Höllennächte treiben? Du nahmst die Wag′; es blitzten schon Von fürchterlichen Strahlen Ihre Schalen:
Schon wägst du der Empörer Lohn, Vernichtung oder Qualen.
Doch, eh′ die Schal′ Entscheidung zückt, So stand der Sohn am Throne, Mit Blicken, wie die Liebe blickt, Und sprach: O Vater! schone. Ich will das Lamm zum Opfer seyn, Will bluten für Verbrecher. Schone, Rächer! Und schenke mir, dem Bürgen, ein, Den zorngefüllten Becher.
Da nahmst du, Gott! den Bürgen an. Mit Mienen, hell von Gnade, Sahst du von ferne Kanaan Und deines Sohnes Pfade, Gethsemane und Golgatha, Mit Opferblut beflossen. Ausgegossen
Wie Wasser, hing der Mittler da, In Dunkel eingeschlossen.
Da hörtest du: »Es ist vollbracht!« Herauf vom Hügel tönen; Nun fühltest du der Liebe Macht, Und liessest dich versöhnen. Gott ist die Liebe! jauchzt die Schaar Der Geister, stark im Meere; Ihre Heere,
Sie sangen dir, der ist und war, Und dem Erwürgten Ehre.
Gott ist die Liebe, Jesus ist Die Liebe; sing′s, o Sünder! Der du so hoch begnadigt bist, Und lehr′ es deine Kinder. Er liebte dich von Ewigkeit; Wir sollten ihn nicht lieben? Den betrüben, Der uns vom ew′gen Fluch befreit? Nicht jede Tugend üben?
Ja, lieben lieben wollen wir Dich ewig, Gott der Liebe! Doch heilige, wir flehen dir, Erst unsers Herzens Triebe! Dann sey es, Gott! dir ganz geweiht, Und ihm, des Weibes Samen! Amen! Amen! Von Ewigkeit zu Ewigkeit Sey Ehre deinem Namen!
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Interpretation
Das Gedicht "Gottes ewiger Ratschluss" von Christian Friedrich Daniel Schubart behandelt die tiefgründige Thematik der göttlichen Liebe und des Erlösungsplans Gottes für die Menschheit. Der Dichter schildert eindringlich den Fall des Menschen und die darauffolgende Verderbtheit der Welt, die von Sünde und Laster geprägt ist. Er beschreibt die Vision Gottes, der die Menschheit in ihrem moralischen Verfall und in ihrem Abfall von ihm sieht. Im weiteren Verlauf des Gedichts thematisiert Schubart die Gnade und Barmherzigkeit Gottes, die sich in der Bereitschaft seines Sohnes Jesus Christus zeigt, als Opferlamm für die Sünden der Menschheit zu sterben. Der Dichter betont die Liebe Gottes, die sich in der Bereitschaft Jesu zeigt, den Zorn und die Strafe für die Sünder auf sich zu nehmen. Dieses Opfer am Kreuz wird als Akt der Versöhnung zwischen Gott und den Menschen dargestellt. Das Gedicht endet mit einem Aufruf zur Dankbarkeit und zum Lobpreis Gottes für seine unendliche Liebe und Gnade. Schubart ermutigt den Leser, diese Liebe zu erwidern und ein tugendhaftes Leben im Sinne Gottes zu führen. Das Gedicht schließt mit einem feierlichen Amen, das die ewige Herrlichkeit Gottes preist.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Wahn und Laster wild
- Anapher
- Wir fielen tief, wir fielen tief; Du hast den Fall gesehen
- Hyperbel
- Die Welt zur Hölle machen
- Metapher
- Der Weibes Samen
- Personifikation
- Gott ist die Liebe! jauchzt die Schaar