Gott im Mittelalter
1907Und sie hatten Ihn in sich erspart und sie wollten, daß er sei und richte, und sie hängten schließlich wie Gewichte (zu verhindern seine Himmelfahrt)
an ihn ihrer großen Kathedralen Last und Masse. Und er sollte nur über seine grenzenlosen Zahlen zeigend kreisen und wie eine Uhr
Zeichen geben ihrem Tun und Tagwerk. Aber plötzlich kam er ganz in Gang, und die Leute der entsetzten Stadt
ließen ihn, vor seiner Stimme bang, weitergehn mit ausgehängtem Schlagwerk und entflohn vor seinem Zifferblatt.
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Interpretation
Das Gedicht "Gott im Mittelalter" von Rainer Maria Rilke beschreibt die Rolle Gottes im Mittelalter. Die Menschen haben Gott in sich bewahrt und wollten, dass er existiert und richtet. Sie haben ihn mit den großen Kathedralen belastet, um seine Himmelfahrt zu verhindern. Gott sollte über seine grenzenlosen Zahlen zeigen und wie eine Uhr Zeichen für ihr Tun und Tagwerk geben. Doch plötzlich kam Gott ganz in Gang und die Leute der entsetzten Stadt ließen ihn mit ausgehängtem Schlagwerk weitergehen. Sie flohen vor seinem Zifferblatt. Dies deutet darauf hin, dass Gott nicht mehr kontrolliert werden konnte und die Menschen vor seiner Macht und Autorität zurückschreckten. Das Gedicht zeigt die Ambivalenz der Menschen gegenüber Gott im Mittelalter, die ihn einerseits bewahren und kontrollieren wollten, sich aber gleichzeitig vor seiner unerwarteten Macht fürchteten.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Bildsprache
- Himmelfahrt
- Kontrast
- Gott als Richter vs. Gott als Uhr
- Metapher
- Gott als Uhr
- Personifikation
- Gott in Gang kommen
- Symbolik
- Kathedralen als Last und Masse
- Übertreibung
- Grenzenlose Zahlen