Gott gab uns nur einen Mund

Heinrich Heine

1861

Beine hat uns zwei gegeben Gott der Herr, um fortzustreben, wollte nicht, dass an der Scholle unsre Menschheit kleben solle. Um ein Stillstandsknecht zu sein, genügte uns ein einzges Bein.

Augen gab uns Gott ein Paar, daß wir schauen rein und klar; um zu glauben, was wir lesen, wär ein Aug genug gewesen. Gott gab uns die Augen beide, daß wir schauen und begaffen wie er hübsch die Welt erschaffen zu des Menschen Augenweide; doch beim Gaffen in den Gassen sollen wir die Augen brauchen und uns dort nicht treten lassen auf die armen Hühneraugen, die uns ganz besonders plagen, wenn wir enge Stiefel tragen.

Gott versah uns mit zwei Händen, dass wir doppelt Gutes spenden; nicht um doppelt zuzugreifen und die Beute aufzuhäufen in den großen Eisentruhn, wie gewisse Leute tun - (ihren Namen auszusprechen dürfen wir uns nicht erfrechen - hängen würden wir sie gern, doch sie sind so große Herrn, Philanthropen, Ehrenmänner, manche sind auch unsre Gönner, und man macht aus deutschen Eichen keine Galgen für die Reichen.)

Gott gab uns nur eine Nase, weil wir zwei in einem Glase nicht hineinzubringen wüßten, und den Wein verschlappern müßten.

Gott gab uns nur einen Mund, weil zwei Mäuler ungesund. Mit dem einen Maule schon schwätzt zu viel der Erdensohn. Wenn er doppelmäulig wär, fräß und lög er auch noch mehr. Hat er jetzt das Maul voll Brei, muß er schweigen unterdessen, hätt er aber Mäuler zwei, löge er sogar beim Fressen.

Mit zwei Ohren hat versehn uns der Herr. Vorzüglich schön ist dabei die Symmetrie. Sind nicht ganz so lang wie die, so er unsern grauen braven Kameraden anerschaffen. Ohren gab uns Gott die beiden, um von Mozart, Gluck und Hayden Meisterstücke anzuhören - Gäb es nur Tonkunst-Kolik und Hämorrhoidal-Musik von dem großen Meyerbeer, schon ein Ohr hinlänglich wär! -

Als zur blonden Teutolinde ich in solcher Weise sprach, seufzte sie uns sagte: Ach! Grübeln über Gottes Gründe, kritisieren unsern Schöpfer, ach! das ist, als ob der Topf klüger sein wollt als der Töpfer! Doch der Mensch fragt stets: Warum? Wenn er sieht, dass etwas dumm. Freund ich hab dir zugehört, und du hast mir gut erklärt, wie zum weisesten Behuf Gott den Menschen zweifach schuf Augen, Ohren, Arm′ und Bein′, während er ihm nur ein Exemplar von Nas und Mund - doch nun sage mir den Grund: Gott, der Schöpfer der Natur, warum schuf er einfach nur das skabröse Requisit, das der Mann gebraucht, damit er fortpflanze seine Rasse und zugleich sein Wasser lasse? Teurer Freund, ein Duplikat wäre wahrlich hier vonnöten, um Funktionen zu vertreten, die so wichtig für den Staat wie fürs Individuum, kurz fürs ganze Publikum. Zwei Funktionen, die so greulich und so schimpflich und abscheulich miteinander kontrastieren und die Menschheit sehr blamieren. Eine Jungfrau von Gemüt muß sich schämen, wenn sie sieht, wie ihr höchstes Ideal wird entweiht so trivial! Wie der Hochaltar der Minne wird zur ganz gemeinen Rinne! Psyche schaudert, denn der kleine Gott Amur der Finsternis, er verwandelt sich beim Scheine ihrer Lamp - in Mankepiß.

Also Teutolinde sprach, und ich sagte ihr: Gemach! Unklug wie die Weiber sind, du verstehst nicht, liebes Kind, Gottes Nützlichkeitssystem, sein Ökonomie-Problem ist, dass wechselnd die Maschinen jeglichem Bedürfnis dienen, dem profanen wie dem heilgen, dem pikanten wie langweilgen, - alles wird simplifiziert; klug ist alles kombiniert: Was dem Menschen dient zum Seichen, damit schafft er seinesgleichen. Auf demselben Dudelsack spielt dasselbe Lumpenpack. Feine Pfote, derbe Patsche, fiedelt auf derselben Bratsche. Durch dieselben Dämpfe, Räder springt und singt und gähnt ein jeder, und derselbe Omnibus fährt uns nach dem Tartarus.

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Illustration zu Gott gab uns nur einen Mund

Interpretation

Das Gedicht "Gott gab uns nur einen Mund" von Heinrich Heine ist eine satirische Auseinandersetzung mit der Schöpfung des Menschen durch Gott. Heine hinterfragt spielerisch die Zweckmäßigkeit und Symmetrie der menschlichen Anatomie, indem er die Anzahl der Körperteile mit ihrer Funktion in Verbindung bringt. Dabei nimmt er auch gesellschaftliche und kulturelle Aspekte aufs Korn, wie zum Beispiel die Kritik an den "großen Herrn" und "Philanthropen", die ihren Reichtum anhäufen. Heine verwendet einen humorvollen und ironischen Ton, um die Absurdität bestimmter Schöpfungsentscheidungen Gottes aufzuzeigen. Er stellt sich vor, wie eine "blonde Teutolinde" auf seine Überlegungen reagiert und selbst Fragen stellt, insbesondere zur Schöpfung des männlichen Geschlechtsorgans. Die Antwort des Sprechers auf ihre Fragen ist eine Anspielung auf die ökonomische Effizienz Gottes, der alles kombiniert und vereinfacht hat. Das Gedicht endet mit einer Metapher, die die menschliche Existenz als Fahrt in einem Omnibus zum Tartarus beschreibt, was die gemeinsame Bestimmung aller Menschen unterstreicht. Heine nutzt die Sprache geschickt, um sowohl die Komik als auch die Tiefe seiner Überlegungen zu vermitteln, und schafft so ein Werk, das sowohl unterhaltsam als auch nachdenklich stimmt.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Alliteration
Beine hat uns zwei gegeben
Anspielung
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Bildsprache
Hochaltar der Minne wird zur ganz gemeinen Rinne
Hyperbel
galgen für die Reichen
Ironie
Philanthropen, Ehrenmänner
Kontrast
zwei Funktionen, die so greulich und so schimpflich und abscheulich miteinander kontrastieren
Metapher
Augenweide
Personifikation
Gottes Nützlichkeitssystem
Rhetorische Frage
warum schuf er einfach nur das skabröse Requisit
Sprachliche Bildlichkeit
Feine Pfote, derbe Patsche
Symbolik
Dudelsack
Vergleich
wie der Topf klüger sein wollt als der Töpfer