Gott, einen Strahl aus deinen Wolken sende

Franz von Dingelstedt

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Gott, einen Strahl aus deinen Wolken sende Auf dieser Vorstadt schmerzenreiches Dach! Hier ringt ein Mensch mit seinem schweren Ende, Sei gnädig, hilf der armen Seele nach! Zieh aus der Kinder fesselndem Gewimmer, Zieh aus des Weibs Umschlingung ihn zu dir. Herr, säume nicht! Er duldet ja noch immer, Herr, schläfst du auch? O wache, Herr, mit mir!

Am nied′ren Fenster schleich′ ich sacht vorüber, Noch glimmt der Lampe Docht, wer löscht sie aus? Sie schimmert durch die Laden, stündlich trüber, Und Käuzlein flattern um das Sterbehaus.

Hu! Fort von dieser schauervollen Schwelle, Hier thut ein And′rer Wächterdienst als ich. Dort lagert er, der schreckliche Geselle, Und kauert lauernd vor die Thüre sich.

Er malt ein Kreuz, ein weißes, an die Schalter, Er winkt, er klopft. . . O Würger, halte an! Es ist gescheh′n. Hab′ Dank, du alter, kalter Nachtwächtersmann, du hast dein Werk gethan!

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Illustration zu Gott, einen Strahl aus deinen Wolken sende

Interpretation

Das Gedicht "Gott, einen Strahl aus deinen Wolken sende" von Franz von Dingelstedt thematisiert den nahenden Tod eines Menschen und die Bitte um göttliche Hilfe in dieser schweren Stunde. Der Sprecher fleht Gott an, einen Strahl aus seinen Wolken auf das Dach des Sterbenden zu senden und der armen Seele beizustehen. Er bittet Gott, den Sterbenden aus dem fesselnden Gewimmer der Kinder und der Umschlingung seiner Frau zu sich zu ziehen, da der Mensch noch immer leidet und nicht allein gelassen werden soll. Der zweite Teil des Gedichts beschreibt die Szene am Sterbebett. Der Sprecher schleicht sacht am niedrigen Fenster vorüber und beobachtet, wie das Licht der Lampe trüber wird und Käuzchen um das Sterbehaus flattern. Die düstere Atmosphäre wird durch die Geräusche der Eulen verstärkt, die als unheilvolle Vorboten des Todes gelten. Der Sprecher distanziert sich von dieser schaurigen Schwelle und überlässt den Wachdienst einem anderen, dem Tod selbst. Im letzten Teil personifiziert der Sprecher den Tod als einen schrecklichen Gesellen, der lauernd vor der Tür kauert. Er malt ein weißes Kreuz an die Schalter, winkt und klopft, um den Sterbenden abzuholen. Der Sprecher fleht den Würger an, noch zu warten, doch es ist bereits geschehen. Mit einem Hauch von Ironie und Sarkasmus dankt der Sprecher dem alten, kalten Nachtwächter für seine Arbeit, den Tod als Vollstrecker des unausweichlichen Schicksals.

Schlüsselwörter

herr zieh gott strahl wolken sende vorstadt schmerzenreiches

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
schauervollen Schwelle
Anrede
O Würger, halte an!
Apostrophe
Gott, einen Strahl aus deinen Wolken sende
Bildsprache
Am nied′ren Fenster schleich′ ich sacht vorüber
Metapher
Er malt ein Kreuz, ein weißes, an die Schalter
Personifikation
du alter, kalter Nachtwächtersmann
Symbolik
Sie schimmert durch die Laden, stündlich trüber