Gorm Grymme
1872König Gorm herrscht über Dänemark, Er herrscht die dreißig Jahr, Sein Sinn ist fest, seine Hand ist stark, Weiß worden ist nur sein Haar. Weiß worden sind nur seine buschigen Brau’n, Die machten manchen stumm; In Grimme liebt er drein zu schaun - Gorm Grymme heißt er drum.
Und die Jarls kamen zum Feste des Jul, Gorm Grymme sitzt im Saal, Und neben ihm sitzt, auf beinernem Stuhl, Thyra Danebod, sein Gemahl; Sie reichen einander still die Hand Und blicken sich an zugleich, Ein Lächeln in beider Auge stand - Gorm Grymme, was macht dich so weich?
Den Saal hinunter, in offener Hall’, Da fliegt es wie Locken im Wind, Jung-Harald spielt mit dem Federball, Jung-Harald, ihr einziges Kind; Sein Wuchs ist schlank, blond ist sein Haar. Blau-golden ist sein Kleid, Jung-Harald ist heut fünfzehn Jahr, Und sie lieben ihn allbeid'.
Sie lieben ihn beid’; eine Ahnung bang Kommt über die Königin, Gorm Grymme aber den Saal entlang Auf Jung-Harald deutet er hin, Und er hebt sich zum Sprechen - sein Mantel rot Gleitet nieder auf den Grund: “Wer je mir spräche, “er ist tot”, Der müßte sterben zur Stund.”
Und Monde gehn. Es schmolz der Schnee, Der Sommer kam zu Gast, Dreihundert Schiffe fahren in See, Jung-Harald steht am Mast, Er steht am Mast, er singt ein Lied, Bis sich’s im Winde brach, Das letzte Segel, es schwand, es schied - Gorm Grymme schaut ihm nach.
Und wieder Monde. Grau-Herbstestag Liegt über Sund und Meer, Drei Schiffe mit mattem Ruderschlag Rudern heimwärts drüber her; Schwarz hängen die Wimpel; auf Brömsebro-Moor Jung-Harald liegt im Blut - Wer bringt die Kunde vor Königs Ohr? Keiner hat den Mut.
Thyra Danebod schreitet hinab an den Strand, Sie hatte die Segel gesehn; Sie spricht: “Und bangt sich euer Mund, Ich meld’ ihm, was geschehn.” Ab legt sie ihr rotes Korallengeschmeid Und die Gemme von Opal, Sie kleidet sich in ein schwarzes Kleid Und tritt in Hall’ und Saal.
In Hall’ und Saal. An Pfeiler und Wand Goldteppiche ziehen sich hin, Schwarze Teppiche nun mit eigener Hand Hängt darüber die Königin, Und sie zündet zwölf Kerzen, ihr flackernd Licht, Es gab einen trüben Schein, Und sie legt ein Gewebe, schwarz und dicht, Auf den Stuhl von Elfenbein.
Ein tritt Gorm Grymme. Es zittert sein Gang, Er schreitet wie im Traum. Er starrt die schwarze Hall’ entlang, Die Lichter, er sieht sie kaum, Er spricht “Es weht eine Schwüle hier, Ich will an Meer und Strand, Reich meinen rot-goldenen Mantel mir Und reiche mir deine Hand.”
Sie gab ihm nur einen Mantel dicht, Der war nicht golden, nicht rot, Gorm Grymme sprach: “Was niemand spricht, Ich sprech’ es: Er ist tot.” Er setzte sich nieder, wo er stand, Ein Windstoß fuhr durchs Haus, Die Königin hielt des Königs Hand, Die Lichter loschen aus.
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Interpretation
Das Gedicht "Gorm Grymme" von Theodor Fontane erzählt die tragische Geschichte des dänischen Königs Gorm, der als strenger und unnachgiebiger Herrscher bekannt ist. Gorm regiert dreißig Jahre lang und wird "Gorm Grymme" genannt, was auf seine grimmige und furchteinflößende Art hinweist. Trotz seiner Härte liebt er seine Frau Thyra Danebod und ihren gemeinsamen Sohn Jung-Harald sehr. Gorm zeigt seine Zuneigung zu Jung-Harald, indem er seine Feinde warnt, dass jeder, der ihm Böses wünscht, sterben muss. Die Handlung nimmt eine tragische Wendung, als Jung-Harald mit dreihundert Schiffen in See sticht. Monate später kehren nur noch drei Schiffe zurück, die die Nachricht vom Tod Jung-Haralds auf dem Brömsebro-Moor bringen. Aus Angst vor Gorms Reaktion traut sich niemand, ihm die traurige Nachricht zu überbringen. Thyra Danebod nimmt die Aufgabe auf sich, zieht sich in schwarze Kleidung und schmückt den Saal mit schwarzen Teppichen und zwölf Kerzen aus. Sie bereitet Gorm auf die schreckliche Nachricht vor. Als Gorm den veränderten Saal betritt und die Schwüle bemerkt, bittet er um seinen roten-goldenen Mantel und Thyra Dans Hand. Sie reicht ihm jedoch einen schwarzen Mantel und spricht die Worte aus, die niemand sonst zu sagen wagte: "Er ist tot." Gorm setzt sich nieder, ein Windstoß durchfährt den Saal, und die Lichter erlöschen, als Thyra des Königs Hand hält. Das Gedicht endet mit einem Bild der Dunkelheit und des Verlustes, das die tiefe Trauer und Verzweiflung des Königs und seiner Frau symbolisiert.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- König Gorm herrscht über Dänemark, Er herrscht die dreißig Jahr
- Bildsprache
- Er starrt die schwarze Hall' entlang, Die Lichter, er sieht sie kaum
- Enjambement
- Sie reichen einander still die Hand Und blicken sich an zugleich
- Hyperbel
- Wer je mir spräche, 'er ist tot', Der müßte sterben zur Stund
- Kontrast
- Goldteppiche ziehen sich hin, Schwarze Teppiche nun mit eigener Hand
- Metapher
- Grau-Herbstestag Liegt über Sund und Meer
- Personifikation
- Der Sommer kam zu Gast
- Symbolik
- Schwarze Teppiche nun mit eigener Hand Hängt darüber die Königin
- Synästhesie
- Ein Windstoß fuhr durchs Haus
- Wiederholung
- Jung-Harald steht am Mast, Jung-Harald steht am Mast