Goldoni
1.
Spendet der Gott der Freude dir einen Becher voll Weines,
Halt ihn beisammen und wirf nicht in den Ocean ihn.
So auch wäre Goldoni mir viel, doch Talent und Gedanken
Seh′ ich nun leider im Meer seiner Komödien verschwemmt.
2.
Dir wohl reicht′s zur Komödie, tritt eine Dame der andern
Nur auf den Fuß, auf das Kleid, – aber nicht mir, mit Verlaub.
3.
Die Komödie scheint nur das Kind politischer Freiheit,
Drum bei den Griechen auch nur sahen politisch wir sie.
Wir sind allzu politisch, um die Verkehrtheit zu geißeln,
Und die Komödie hilft äußerst politisch sich durch.
4.
Alte Freiheit wählte den Staat und das offene Leben
Sich zum Schauplatz, doch uns bleiben die Stuben kaum frei.
Darum zürne mir nicht, wenn unsre Komödien schlecht sind,
Außerm politischen Joch blieb uns die Ehe ja nur.
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Kurze Interpretation des Gedichts
Das Gedicht „Goldoni“ von Wilhelm Friedrich Waiblinger ist eine kritische Auseinandersetzung mit dem venezianischen Dramatiker Carlo Goldoni und der zeitgenössischen Komödie, eingebettet in eine Reflexion über Freiheit, Politik und Kunst. Waiblinger vergleicht Goldonis Talent und Gedanken mit einem „Becher voll Weines“, der verschwendet wird, indem er in dem „Ocean“ seiner Komödien versickert. Dies deutet auf die Enttäuschung des Dichters über das Potenzial Goldonis hin, das seiner Meinung nach durch die Fülle an Komödienwerken verwässert wurde.
Die zweite Strophe verstärkt die Kritik an der Oberflächlichkeit der Komödien Goldonis, indem sie die banale Natur der dargestellten Konflikte hervorhebt: „tritt eine Dame der andern / Nur auf den Fuß, auf das Kleid“. Waiblinger beklagt die fehlende Tiefe und den Mangel an Substanz in diesen Werken, die seinen Ansprüchen an Kunst nicht genügen. Er distanziert sich ausdrücklich von dieser Art der Komödie, die ihm offensichtlich zu trivial erscheint.
In den folgenden Strophen verlagert sich der Fokus auf die politische und gesellschaftliche Dimension der Komödie. Waiblinger verbindet die Komödie mit politischer Freiheit und stellt fest, dass die Griechen, die ein freies politisches Leben führten, auch eine politische Komödie kannten. Er argumentiert, dass die moderne Gesellschaft durch politische Zwänge und Einschränkungen geprägt ist, was die Komödie beeinflusst und sie verflacht. Die Aussage „Wir sind allzu politisch, um die Verkehrtheit zu geißeln“ deutet darauf hin, dass die Komödie in einer politisch überengagierten Gesellschaft eher als Instrument der Selbsterhaltung dient als als Mittel zur Kritik.
Die letzte Strophe unterstreicht die Enge und Begrenzung der modernen Welt im Kontrast zur Freiheit der Antike. Während die antike Freiheit sich im Staat und im öffentlichen Leben entfaltete, bleibt der modernen Gesellschaft nur die Enge der „Stuben“. Waiblinger entschuldigt die schlechte Qualität der zeitgenössischen Komödien mit dem Argument, dass die Ehe – neben dem politischen Joch – die einzige verbleibende Form der Freiheit sei. Dies deutet auf eine pessimistische Sicht auf die Möglichkeiten der Kunst unter restriktiven Bedingungen hin. Das Gedicht schließt mit einem resignierten Ton, der die Grenzen der Kunst in einer unfreien Gesellschaft betont.
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Lizenz und Verwendung
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