Gold
1876Meine bebenden Finger halten das blutrote Gold umspannt – Es liegt wie brennende Schande in meiner eiskalten Hand – Die gierigen Augen stürzen auf seinen grellgleißenden Glanz – – Und an mir rast vorüber der Menschheit wahnsinniger Faschingstanz …
Es wölbt sich zur Riesenlawine vor meinem Seherblick, Zur blind hinrollenden, tauben, dies erbärmlich winzige Stück – Ich fühle Millionen Herzen zucken nach seinem Besitz – Ich höre Millionen Lippen freveln in blödem Aberwitz …
Ich schaue Millionen Fäuste in lohendem Groll gereckt – Nach goldnen Lawinenkrumen inbrünstig ausgestreckt – Ich höre Millionen Flüche, dieweil nur Zundergestäub Statt purpurner Pracht und Geschmeides sich klebt um den schlotternden Bettlerleib.
Zeiten um Zeiten fliegen, Jahrtausende mir vorbei – Durch alle Zeiten dröhnt es, das gellende Jagdgeschrei … Da droben auf ihrem Throne schlief wohl die Gottheit ein – Bricht denn durch ihre Lider nicht der Scheiterhaufen Flammenschein?
Der Scheiterhaufen, darauf sie, die Menschheit, wahnsinnverkrampft, Ihr bißchen Gottheit geopfert, dämonenüberstampft! Ja! Ihren Namen nannte die Lippe je und je – Und troff zugleich von Sehnsucht, nach einem –Riesenportemonnaie.
Kommt über die unstete Menschheit denn nie die Erlösungsruh? Rast in Aeonen sie weiter, immer und immerzu? – Meine Finger klammern ums Gold sich, das zur Lawine schwoll – Wach auf, du schlafender Himmel! Das Maß ist über- und übervoll!
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Interpretation
Das Gedicht "Gold" von Hermann Conradi ist eine eindringliche Auseinandersetzung mit der menschlichen Gier und dem materialistischen Wahnsinn, der die Gesellschaft beherrscht. Der lyrische Ich-Erzähler hält ein Stück Gold in den Händen, das er als "blutrotes Gold" bezeichnet. Dies deutet darauf hin, dass der Besitz von Gold mit Opfern und Leid verbunden ist. Das Gold wird als "brennende Schande" empfunden, was die moralische Verwerflichkeit des Strebens nach Reichtum unterstreicht. Der Erzähler sieht sich von einer Gesellschaft umgeben, die in einem "wahnsinnigen Faschingstanz" gefangen ist, einem Bild, das die Oberflächlichkeit und die Verblendung der Menschen verdeutlicht. In den folgenden Strophen erweitert sich der Blick des Erzählers zu einer globalen Perspektive. Er sieht eine "Riesenlawine" aus Gold, die die Menschheit in den Wahnsinn treibt. Millionen von Herzen zucken nach dem Besitz des Goldes, und Millionen von Lippen freveln in "blödem Aberwitz". Dies verdeutlicht die allumfassende Natur der Gier und die Irrationalität, mit der die Menschen danach streben. Die "Millionen Fäuste" und die "lohendende Groll" symbolisieren den aggressiven und zerstörerischen Charakter dieses Strebens. Der Erzähler beobachtet, wie Menschen, die eigentlich göttliche Bestrebungen haben sollten, stattdessen nach einem "Riesenportemonnaie" streben, was den Verfall der spirituellen Werte zugunsten des Materialismus verdeutlicht. In den letzten Strophen fragt sich der Erzähler, ob es jemals eine Erlösung von diesem Wahnsinn geben wird. Er sieht die Zeit vergehen und die Gier immer weiter wachsen, ohne dass sich etwas ändert. Der Himmel wird als "schlafend" bezeichnet, was die Abwesenheit göttlicher Intervention oder moralischer Führung andeutet. Das "Maß" ist "über- und übervoll", was darauf hindeutet, dass die Menschheit an einem kritischen Punkt angelangt ist, an dem eine Veränderung dringend notwendig ist. Das Gedicht endet mit einem Appell an den Himmel, aufzuwachen und einzugreifen, was die Verzweiflung des Erzählers über die menschliche Situation verdeutlicht.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- grellgleißenden Glanz
- Anspielung
- Auf die Gottheit und ihre Rolle im menschlichen Wahnsinn
- Bildsprache
- Zum blind hinrollenden, tauben, dies erbärmlich winzige Stück
- Hyperbel
- Ich fühle Millionen Herzen zucken nach seinem Besitz
- Kontrast
- zwischen dem kleinen Stück Gold und der riesigen Lawine
- Metapher
- Der Scheiterhaufen, darauf sie, die Menschheit, wahnsinnverkrampft
- Personifikation
- Meine bebenden Finger halten das blutrote Gold umspannt
- Rhetorische Frage
- Kommt über die unstete Menschheit denn nie die Erlösungsruh?
- Symbolik
- blutrotes Gold als Symbol für Gier und Schande