Götterdämmerung
1876Von kühnen Wunderbildern Ein großer Trümmerhauf, In reizendem Verwildern Ein blühnder Garten drauf;
Versunknes Reich zu Füßen, Vom Himmel fern und nah, Aus anderm Reich ein Grüßen - Das ist Italia!
Wenn Frühlingslüfte wehen Hold übern grünen Plan, Ein leises Auferstehen Hebt in den Tälern an.
Da will sichs unten rühren Im stillen Göttergrab, Der Mensch kanns schauernd spüren Tief in die Brust hinab.
Verwirrend in den Bäumen Gehn Stimmen hin und her, Ein sehnsuchtsvolles Träumen Weht übers blaue Meer.
Und unterm duftgen Schleier, Sooft der Lenz erwacht, Webt in geheimer Feier Die alte Zaubermacht.
Frau Venus hört das Locken, Der Vögel heitern Chor, Und richtet froh erschrocken Aus Blumen sich empor.
Sie sucht die alten Stellen, Das luftge Säulenhaus, Schaut lächelnd in die Wellen Der Frühlingsluft hinaus.
Doch öd sind nun die Stellen, Stumm liegt ihr Säulenhaus, Gras wächst da auf den Schwellen, Der Wind zieht ein und aus.
Wo sind nun die Gespielen? Diana schläft im Wald, Neptunus ruht im kühlen Meerschloß, das einsam hallt.
Zuweilen nur Sirenen Noch tauchen aus dem Grund, Und tun in irren Tönen Die tiefe Wehmut kund. -
Sie selbst muß sinnend stehen So bleich im Frühlingsschein, Die Augen untergehen, Der schöne Leib wird Stein. -
Denn über Land und Wogen Erscheint, so still und mild, Hoch auf dem Regenbogen Ein andres Frauenbild.
Ein Kindlein in den Armen Die Wunderbare hält, Und himmlisches Erbarmen Durchdringt die ganze Welt.
Da in den lichten Räumen Erwacht das Menschenkind, Und schüttelt böses Träumen Von seinem Haupt geschwind.
Und, wie die Lerche singend, Aus schwülen Zaubers Kluft Erhebt die Seele ringend Sich in die Morgenluft.
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Interpretation
Das Gedicht "Götterdämmerung" von Meister Eckhart beschreibt den Übergang von der heidnischen Mythologie zur christlichen Zeit. Es beginnt mit einem Bild von Italien, das als ein Ort beschrieben wird, an dem die Überreste der alten Götterwelt mit der Schönheit der Natur verschmelzen. Die Frühlingsluft weckt eine Sehnsucht nach den alten Zeiten, als die Götter noch präsent waren. Die Göttin Venus erwacht aus ihrem Dornröschenschlaf und sucht nach den alten Stätten ihrer Herrschaft. Doch sie findet nur noch Verfall und Einsamkeit vor. Die anderen Götter sind ebenfalls verschwunden oder in den Schlaf gefallen. Nur noch die Sirenen erinnern an die alte Zeit mit ihren traurigen Gesängen. Doch dann erscheint ein neues Frauenbild, das die Jungfrau Maria mit dem Jesuskind darstellt. Dieses Bild strahlt himmlisches Erbarmen aus und erweckt das Menschenkind zu neuem Leben. Die Seele erhebt sich aus den Klauen der alten Zaubermacht und findet sich in der Morgenluft wieder. Das Gedicht endet mit einem Aufruf zur Befreiung von den alten Fesseln und zur Hinwendung zum neuen Glauben.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Frau Venus hört das Locken
- Hyperbel
- Ein sehnsuchtsvolles Träumen Weht übers blaue Meer
- Kontrast
- Frau Venus hört das Locken, Der Vögel heitern Chor, Und richtet froh erschrocken Aus Blumen sich empor
- Metapher
- Von kühnen Wunderbildern Ein großer Trümmerhauf
- Personifikation
- Wenn Frühlingslüfte wehen Hold übern grünen Plan
- Symbolik
- Hoch auf dem Regenbogen Ein andres Frauenbild
- Vergleich
- Und, wie die Lerche singend