Goethe und der Affe

Detlev von Liliencron

1844

Ich fand auf einem Postament Einen Menschen, der sich Goethe nennt. Die Büste des Dichters, und nebenan, Auf demselben Gestell, hockt ein Pavian Aus Bronze, Thon, ich weiß nicht mehr, Ein Götzenbild, von den Tropen her, Wo ihn ein Seemann erstanden mag haben, Der ihn vielleicht mal seinen Knaben Mitgebracht zum Scherz, als Spiel, Bis ein Zufall dem Äffchen ein Ziel Neben dem großen Poeten gegeben, Wie sich so Zufall und Schicksal verweben.

Der Affe, mit einer der Vorderpfoten, Hat auf den Lippen sich Stille geboten, Sich? oder gilt, das Maul zu halten Dem klar und herrisch blickenden Alten? Das Symbol der Vorsicht! Ich glaube sogar, Der weimarische gewaltige Zar Hat’s gut verstanden und schmerzlich empfunden, Daß er sich nicht hat unumwunden Geben dürfen, er kannte die Welt!

Denn was er auch schrieb: durch all seinen Schimmer “Laß nie dich erraten”, hör’ ich ihn immer, “Kennt man dich ganz, so verlierst du”, paß auf, “Alle Bedeutung” im irdischen Lauf. So sollen Affe und Goethe uns zeigen: Des Lebens beste Vorsicht heißt Schweigen.

Und doch, und doch, hätte Goethe geschwiegen, Hätt’ er sich nie die Lippen verbrannt, Er wär’ nicht die goldenen Stufen gestiegen, Mit leuchtenden Spuren herabgestiegen In unser nüchternes Schulmeisterland.

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Illustration zu Goethe und der Affe

Interpretation

Das Gedicht "Goethe und der Affe" von Detlev von Liliencron thematisiert die Ambivalenz zwischen öffentlicher Zurückhaltung und künstlerischem Ausdruck. Der Dichter beschreibt eine Büste Goethes neben einer Affenfigur, die beide auf einem Postament stehen. Der Affe, mit einer erhobenen Pfote, scheint Goethe zum Schweigen zu mahnen. Dieses Symbol der Vorsicht wird als Warnung verstanden, dass man, wenn man sich ganz preisgibt, seine Bedeutung verliert. Liliencron deutet

Schlüsselwörter

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Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
In der Zeile 'Laß nie dich erraten' wird der Konsonant 'L' wiederholt, was einen rhythmischen Effekt erzeugt.
Ironie
Die Ironie liegt darin, dass Goethe, der für seine Weisheit und Einsicht bekannt ist, durch die Figur des Affen daran erinnert wird, dass Schweigen oft die beste Vorsicht ist.
Kontrast
Der Kontrast zwischen dem 'nüchternen Schulmeisterland' und den 'leuchtenden Spuren' von Goethe hebt die transformative Kraft seiner Worte hervor.
Metapher
Goethe wird als 'weimarischer gewaltiger Zar' bezeichnet, was seine Macht und seinen Einfluss als Dichter und Denker unterstreicht.
Personifikation
Die Büste des Dichters und der Pavian aus Bronze oder Ton werden als lebendige Wesen dargestellt, die nebeneinander auf einem Postament stehen.
Symbolik
Der Affe symbolisiert die Vorsicht und das Schweigen, während Goethe die Konsequenzen des Sprechens und des Nicht-Sprechens repräsentiert.