Glückseligkeit

Maria Janitschek

1859

Durch mein Fenster kommt der leise Vollmond, kommt und küßt mich zärtlich auf die Lippen, »Thörichte, so kalt und lustverschlossen, willst du nicht von meinem Tranke nippen?

Sieh, schon lange bin ich tot, und dennoch, helle Friedensströme gießt noch immer mein erloschen Sein auf deine Menschheit, denn es stirbt die Saat der Lichten nimmer«.

Stirbt sie wirklich nicht, du leiser Vollmond? Wird dereinstens auch von meinen Bahnen milder Glanz in müde Seelen träufeln und sie an ein flammend Leben mahnen?

Aber nein, mein lieber leiser Vollmond, will nicht denken an den Tod, den herben, denn, daß ich dirs sag, nicht träumen kann ichs, und nicht ahnen, wie es ist: zu sterben.

»Wie es ist? So lausche!« Lautlos schwindet, wie von kühlen Flügeln fortgetragen, aus dem Kämmerlein der leise Vollmond, Finsternisse aneinander jagen …

Dunkles Huschen, Flüstern, eisige Hauche. Mir beengt die Brust ein banges Sorgen .. Da zerreißt die Nacht, im goldnen Rauche steigt empor ein siegeslichter Morgen.

Das hieß sterben? Aus dem einen Leuchten in das andre Leuchten weich versinken? O mein lieber, weiser, stiller Vollmond, lasse mich von deinem Glanze trinken! ..

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Illustration zu Glückseligkeit

Interpretation

Das Gedicht "Glückseligkeit" von Maria Janitschek thematisiert die Sehnsucht nach einem tieferen Verständnis von Leben und Tod, symbolisiert durch den Vollmond als weisen und stillen Begleiter. Der Mond erscheint als Vermittler zwischen der sterblichen Welt und dem ewigen Licht, das auch nach dem Tod weiterwirkt. Die lyrische Ich-Figur ringt mit der Angst vor dem Tod, zugleich aber auch mit der Hoffnung auf eine Fortsetzung des Seins in einer anderen Form. Der Mond lädt sie ein, von seinem "Tranke" zu nippen, was als Einladung zum spirituellen Erwachen und zur Überwindung der Angst vor dem Unbekannten verstanden werden kann. Die Begegnung mit dem Mond weckt in der Sprecherin eine tiefe Sehnsucht nach Transzendenz und die Frage, ob auch ihr eigenes Sein nach dem Tod weiterleuchten wird. Die Ambivalenz zwischen der Furcht vor dem Tod und der Neugier auf das, was danach kommt, prägt den emotionalen Verlauf des Gedichts. Die Nacht, die zunächst von Dunkelheit und Bangigkeit erfüllt ist, wird schließlich durch den "siegeslichen Morgen" erhellt, was als Metapher für die Überwindung der Todesangst und die Erkenntnis eines friedvollen Übergangs interpretiert werden kann. Im Schluss des Gedichts findet die lyrische Figur eine Art Erleuchtung: Der Tod wird nicht mehr als Ende, sondern als sanfter Übergang von einem Licht ins andere begriffen. Der Vollmond, als Symbol für Weisheit und Ewigkeit, bietet Trost und die Aussicht auf eine "Glückseligkeit", die jenseits der irdischen Existenz liegt. Die Sprecherin ist bereit, von seinem Glanze zu trinken, was ihre Bereitschaft zum spirituellen Erwachen und zur Annahme des Todes als Teil des Lebenszyklus ausdrückt.

Schlüsselwörter

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Wortwolke

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Stilmittel

Metapher
von deinem Glanze trinken
Personifikation
Durch mein Fenster kommt der leise Vollmond, kommt und küßt mich zärtlich auf die Lippen
Rhetorische Frage
Stirbt sie wirklich nicht, du leiser Vollmond?