Glück der Entfernung

Johann Wolfgang von Goethe

1767

Trink′, o Jüngling! heil′ges Glücke Taglang aus der Liebsten Blicke, Abends gaukl′ ihr Bild dich ein. Kein Verliebter hab es besser; Doch das Glück bleibt immer größer, Fern von der Geliebten sein.

Ew′ge Kräfte, Zeit und Ferne, Heimlich wie die Kraft der Sterne, Wiegen dieses Blut zur Ruh′. Mein Gefühl wird stets erweichter; Doch mein Herz wird täglich leichter Und mein Glück nimmt immer zu.

Nirgends kann ich sie vergessen, Und doch kann ich ruhig essen, Heiter ist mein Geist und frei; Und unmerkliche Betörung Macht die Liebe zur Verehrung, Die Begier zur Schwärmerei.

Aufgezogen durch die Sonne, Schwimmt im Hauch äther′scher Wonne So das leichtste Wölkchen nie Wie mein Herz in Ruh′ und Freude. Frei von Furcht, zu groß zum Neide, Lieb′ ich, ewig lieb′ ich sie!

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Illustration zu Glück der Entfernung

Interpretation

Das Gedicht "Glück der Entfernung" von Johann Wolfgang von Goethe thematisiert die paradoxe Natur der Liebe, insbesondere die Idee, dass die Entfernung von der Geliebten das Glück und die Verehrung steigern kann. Der Sprecher preist die heilige Freude, die er aus den Blicken seiner Liebsten zieht, und wie ihr Bild ihn auch in der Ferne begleitet. Trotz der Sehnsucht findet er in der Abwesenheit eine tiefere Form der Liebe, die zur Verehrung wird und sein Herz leichter und sein Glück größer macht. Die zweite Strophe verdeutlicht, wie Zeit und Ferne wie ewige Kräfte wirken, die das Blut des Sprechers zur Ruhe wiegen. Sein Gefühl wird sanfter, sein Herz leichter, und sein Glück nimmt stetig zu. Die Metapher der Sterne als geheimnisvolle Kraft unterstreicht die unausweichliche und fast mystische Natur dieser Entwicklung. Die Entfernung ermöglicht es ihm, seine Liebe in einer erhabenen Form zu erleben, frei von den unmittelbaren Begierden und Ängsten, die Nähe mit sich bringen kann. Im dritten Teil beschreibt der Sprecher, wie er seine Geliebte nie vergessen kann, aber dennoch in der Lage ist, ruhig zu essen und seinen Geist heiter und frei zu halten. Die Liebe verwandelt sich in eine "unmerkliche Betörung", die sie von einer bloßen Begierde zu einer Schwärmerei erhebt. Diese Transformation zeigt, wie die Distanz die Liebe reinigt und verfeinert, sie von irdischen Zwängen befreit und zu einer fast göttlichen Verehrung macht. Die letzte Strophe vergleicht das Herz des Sprechers mit einem leichten Wölkchen, das durch die Sonne getragen wird und in ätherischer Wonne schwebt. Sein Herz ist in Ruhe und Freude, frei von Furcht und zu groß für Neid. Diese Bilder unterstreichen die Leichtigkeit und Erhabenheit seiner Liebe, die in der Ferne zu einer ewigen und unvergänglichen Empfindung wird. Das Gedicht schließt mit der festen Überzeugung, dass er sie ewig lieben wird, und betont damit die Beständigkeit und Tiefe seiner Gefühle, die durch die Entfernung nur noch gestärkt werden.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Alliteration
Trink′, o Jüngling! heil′ges Glücke
Hyperbel
Nirgends kann ich sie vergessen
Kontrast
Und doch kann ich ruhig essen
Metapher
Wie mein Herz in Ruh′ und Freude
Personifikation
Heimlich wie die Kraft der Sterne
Synästhesie
Trink′, o Jüngling! heil′ges Glücke Taglang aus der Liebsten Blicke
Vergleich
Aufgezogen durch die Sonne