Gloria
1911Auch ich auch ich, in unseligem Drang, Hab′ mit zuckenden Fingern, so lang, so lang, Von verzehrendem Fieber zerspalten, Gehascht nach des Ruhmes Lorbeergezweig, Mit fliegendem Atem, ringerbleich, Eine üppige Krone zu halten!
Auch ich entrafft′ mich dem heimischen Herd Was hat mich die Träne der Mutter geschert, Was Marias geschluchzte Klagen? Es trieb mich so wild, so stürmisch hinaus Auf des Lebens weißschäumigen Wogenbraus, Den strahlenden Ruhm zu erjagen.
Wie ward′s mir so schwül im umzäunten Kreis Nach Atem rang ich – aus altem Geleis Zog′s mich in phantastischem Wahne! Die Mutter hat mich gesegnet beim Zieh′n Und gab mir zum Abschied den Flammenrubin Zum schirmenden Talismane.
Ich spannte mir Flügel zum Dädalusflug Nicht war mir ein dürres Zweiglein genug Ich jechzte nach üpp′gem Gewinde … Da brachten mir die Töchter der Lust Mit lachendem Auge, mit lockender Brust Die süße, die lustige Sünde.
Und ich trank und ich trank und ließ die Spur, Und mit heldengroßer Siegerbravour Bracht′ ich die Komödie in Stanzen … Da nahten sie alle – beäugelten links, Beäugelten rechts die schnurrige Sphinx Und kamen mir einen Ganzen.
Holla hoch! Das war ein lustiges Fest Der Morgen ward mir weidlich durchnäßt, Und die Stirne schwamm in Wonne: Sie trug ja nun glänzende Lorbeerzier, Und sie trug sie mit Würde, nicht bloß zum Pläsier Stolz leuchtete meine Sonne.
Da kam auch für mich der Damaskustag Die Binde fiel, und die brennende Schmach Schlug zischend mir in die Seele … O du Wahn! O du Wahn der Unsterblichkeit, Wenn ein wetterwendisch Gesindel schreit In hochwillkommnem Krakehle:
»Der Kerl bei Gott! ist ein Pionier Prophet, Messias ein Wundertier Er schreibt brillante Sachen! Gedankentief und doch populär Und so bilderreich! Und so schneidig wie er Kann keiner Verse machen!
Wie wär′s drum, wir dächten beizeiten schon An ein Säulchen, ein Denkmal, die Nation! Nur hurtig: die Sammelliste: Wer unterschreibt? »Na ich!« »Und auch ich!« (Der eine: »Rein fiel ich!« bei sich Der andere: »Wenn man nur nicht müßte!«) …
Da dankt′ ich dir, Krämerbrut, für das Mal, Und ich ließ den rauschenden Huldigungssaal. Entweiche wahnwitz′ge Verblendung! »Der Ruhm ist keinen Dreier wert, Und dreimal Schmach, wer ihn begehrt Für seine göttliche Sendung!«
Ich rief′s und schritt in die Nacht hinein, Und beim ersten, blassen Frührotschein Ist mir ein Wandrer begegnet … Der sprach: »Glückselig bist du, Poet, Dein wahrer Lohn, wenn im stillen Gebet Ein getrösteter Armer dich segnet!
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Interpretation
Das Gedicht "Gloria" von Hermann Conradi handelt von einem Menschen, der von einem unstillbaren Drang nach Ruhm und Anerkennung getrieben wird. Der Sprecher beschreibt seine eigene Erfahrung, wie er seine Heimat verlässt und sich auf die Suche nach dem "Ruhmes Lorbeergezweig" begibt, wobei er dabei seine Familie und seine Wurzeln vernachlässigt. Er wird von einer "törichten, stürmischen Lust" getrieben, die ihn in die Welt hinaustreibt. Der Sprecher beschreibt seinen Aufstieg zur Berühmtheit, wie er Lorbeerkränze erntet und von der Gesellschaft gefeiert wird. Er trinkt und feiert mit den "Töchtern der Lust" und schreibt "heldengroße" Verse, die von der Öffentlichkeit bejubelt werden. Doch plötzlich kommt der "Damaskustag", an dem sich dem Sprecher die Augen öffnen und er die Leere und Schmach seines Ruhms erkennt. Er erkennt, dass der Ruhm "keinen Dreier wert" ist und dass die Anerkennung der "Krämerbrut" (der breiten Masse) ihm nichts bedeutet. Am Ende des Gedichts tritt der Sprecher in die Nacht hinaus und begegnet einem Wanderer, der ihm sagt, dass wahrer Lohn nicht im Ruhm liegt, sondern in der stillen Anerkennung eines "getrösteten Armen". Das Gedicht endet mit der Erkenntnis, dass wahre Erfüllung nicht im äußeren Erfolg liegt, sondern in der stillen Zufriedenheit, anderen Menschen geholfen zu haben.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- wahnwitz′ge Verblendung
- Hyperbel
- getrösteter Armer
- Metapher
- Krämerbrut
- Personifikation
- Die Schmach schlug zischend