Gleich der Lilie, die erhöhet...

Clemens Brentano

unknown

Gleich der Lilie, die erhöhet Unter Dornen leuchtend steht, So die Freundin rein erhöhet Unter andern Töchtern steht.

Wie die Lilie leuchtend strahlet Klar und rein und ohne Schuld, Steht Maria lichtdurchstrahlet Von des Himmels Gnad und Huld.

Dornen viel aus ihrem Stamme Trafen sie in ihrem Sohn, Doch des Herzens reine Flamme Gab für Bittres süßen Lohn;

Denn wenn sie die Dornen spornen, Duftet sie nochmal so süß, Drum als Lilie unter Dornen Sie das hohe Lied auch pries.

In der Lilie sieben Speere Tragen goldne Körnlein lind, Weil des heilgen Geistes Ehre Siebenfach in Strahlen rinnt.

Nieder sind sie reich getauet Zu des ewgen Königs Sohn, Als er liebend hat gebauet In der Lilie seinen Thron.

Einst auch strahlt zur letzten Stunde, Wenn er uns zu richten kehrt, Aus des ewgen Wortes Munde Rechts die Lilie, links das Schwert.

Rechts die Lilie, die Gnade, Links das Schwert, gerecht und streng, Links hin führen breite Pfade, Rechts hin Pfädlein, schmal und eng.

O du Lilie unter Dornen! O du Mutter gnadenvoll! Lasse mich durch Leiden spornen, Wie ich rechts hin wandeln soll.

Gut wohl ist es mit den Frommen Fromm zu sein, mit Reinen rein, Aber es ist hoch vollkommen, Unter Dornen Lilie sein.

Drum in Dornen hoch erhöhet Die geliebte Lilie blüht, Die da für die Sünder flehet, Bis das Heil sie niederzieht.

Bis aus ihr, dem Kelch der Gnade, Stieg des heilgen Geistes Frucht, Jesus, der auf dorngem Pfade Das verlorne Schäflein sucht,

Der da durch die Dornen dringet Nach der Lilie, nach der Braut, Bis er sie zu Tage ringet In der Kirche Blut betaut,

Die mit Rosen hoch verzieret, Die mit Lilien rein geschmückt, In den Martyr′n triumphieret, In den Jungfraun still entzückt.

Die als Brautleib auserwählet Mit des höchsten Königs Sohn Ewig jubelnd wird vermählet Vor des Vaters heilgem Thron.

Siehst die Lilie du, Adele! Und das Kindlein auch dabei, Sorge treu, daß deine Seele Für das Kindlein Lilie sei!

Dieses Lied sang von der Lilie, Der in Dornen weidend geht, Weil sie reimet auf Emilie, Die sub rosa sich versteht.

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Illustration zu Gleich der Lilie, die erhöhet...

Interpretation

Das Gedicht "Gleich der Lilie, die erhöhet..." von Clemens Brentano ist eine tiefgründige Allegorie, die die Jungfrau Maria als Lilie unter Dornen symbolisiert. Die Lilie steht für Reinheit, Unschuld und göttliche Gnade, während die Dornen die Leiden und Prüfungen darstellen, denen Maria als Mutter Jesu ausgesetzt war. Das Gedicht betont die Idee, dass wahre Vollkommenheit darin besteht, unter Widrigkeiten und Schwierigkeiten Reinheit und Glauben zu bewahren. Brentano verwendet die Lilie als Metapher für Maria, die trotz der Dornen (Leiden) in ihrem Leben strahlend und rein bleibt. Die Dornen symbolisieren die Schmerzen, die Maria als Mutter Jesu erleiden musste, insbesondere den Kreuzestod ihres Sohnes. Doch gerade durch diese Leiden wird ihre Reinheit und ihr Glaube noch strahlender, wie der Duft der Lilie, der durch das Berühren der Dornen noch süßer wird. Das Gedicht endet mit einem Aufruf an die Leserin (Adele), ihre Seele für das Kindlein (Jesus) zur Lilie zu machen, also rein und unversehrt zu bewahren. Es betont die Idee, dass wahre Vollkommenheit darin besteht, unter Widrigkeiten und Schwierigkeiten Reinheit und Glauben zu bewahren. Das Gedicht schließt mit der Erwähnung von Emilie, die "sub rosa" (unter dem Rosenzeichen) lebt, was auf ein Leben in Demut und Verborgenheit hindeutet.

Schlüsselwörter

lilie dornen rein rechts erhöhet steht sohn links

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Stilmittel

Allegorie
Die als Brautleib auserwählet / Mit des höchsten Königs Sohn / Ewig jubelnd wird vermählet / Vor des Vaters heilgem Thron.
Anrede
Siehst die Lilie du, Adele! / Und das Kindlein auch dabei, / Sorge treu, daß deine Seele / Für das Kindlein Lilie sei!
Apostrophe
O du Lilie unter Dornen! / O du Mutter gnadenvoll! / Lasse mich durch Leiden spornen, / Wie ich rechts hin wandeln soll.
Bildsprache
Einst auch strahlt zur letzten Stunde, / Wenn er uns zu richten kehrt, / Aus des ewgen Wortes Munde / Rechts die Lilie, links das Schwert.
Hyperbel
Aber es ist hoch vollkommen, / Unter Dornen Lilie sein.
Kontrast
Links die Lilie, die Gnade, / Links das Schwert, gerecht und streng, / Links hin führen breite Pfade, / Rechts hin Pfädlein, schmal und eng.
Metapher
Gleich der Lilie, die erhöhet / Unter Dornen leuchtend steht, / So die Freundin rein erhöhet / Unter andern Töchtern steht.
Personifikation
Denn wenn sie die Dornen spornen, / Duftet sie nochmal so süß.
Symbolik
In der Lilie sieben Speere / Tragen goldne Körnlein lind, / Weil des heilgen Geistes Ehre / Siebenfach in Strahlen rinnt.
Vergleich
Wie die Lilie leuchtend strahlet / Klar und rein und ohne Schuld, / Steht Maria lichtdurchstrahlet / Von des Himmels Gnad und Huld.