Glas
1803In einer engen kleinen Hütte Liegt, marmorbleich und todesmatt, Ein sterbend Weib mit edlen Zügen Auf einer harten Lagerstatt.
Der Mutter blasses Haupt umschlinget Ein holdes Mägdlein, zart und weiß; Des Kummers bitt′re Thränen fallen Aus ihrem Auge, schwer und heiß.
Mit bangem Schmerz küßt sie noch einmal Der Mutter schmale welke Hand, Dann eilt sie aus des Elends Wohnung Den Pfad hinab am Waldesrand.
Zur Hütte eilt sie, wo sie schmelzen Das Glas durch heißer Oefen Gluth; Dort haucht der schwache Kindesodem In Formen die geschmolz′ne Fluth.
Der Vater hat in jener Hölle Die frische Lebenskraft verbraucht, Hat seinen letzten schweren Seufzer Beim heißen Werke ausgehaucht.
Und seit der Treue ihr gestorben, Die Mutter aber krank und matt, Hat dieses arme Kind erworben Erquickung ihr an seiner Statt.
Doch schwankend werden ihre Schritte, Die einst dem flücht′gen Rehe gleich, Und trüber ihre blauen Augen, Und ihre Wangen werden bleich.
Jetzt steht sie vor der Thür der Hütte; Ob der Versäumniß ist ihr bang, Da herrschet zürnend der Fabrikherr: “Wo bleibst du, Träge, heut so lang!
Schon hast du eine volle Stunde An deinem Tagewerk versäumt; Heut Abend mußt du sie ersetzen! - Nun flink an′s Werk und nicht geträumt.”
Da spricht sie weinend: “Herr, die Mutter, Sie liegt daheim mir sterbenskrank; Entlaßt nur heute mich der Arbeit, Und nehmt dafür des Kindes Dank.”
Doch grollend ruft er: “Dich entlassen? Und gar bei früher Morgenzeit! In voller Gluth steh′n meine Oefen, Zum Färben ist das Glas bereit.
Der Masse sollst du Farbe geben Durch Borar und durch Antimon; Im schönsten Purpur muß sie glühen, - Sonst kommst du heut′ um deinen Lohn.
Denn einen Kelch gilt es zu bilden, Wie eine Rose, glühend roth. Wenn er vollkommen dir gelinget, Wird dir ein extra Stückchen Brod.
Und Perlen gilt es dann zu blasen; Wenn jede einem Tropfen gleicht, Wie er dort glänzt auf grünem Rasen, Schenk′ ich die Stunde dir vielleicht.”
Mit schwerem Herzen tritt das Mägdlein In den erhitzten Hüttenraum, Naht zitternd sich dem glüh′nden Ofen, Entfernt des Glases Erdenschaum,
Mischt unter die geschmolzne Masse Die Farben. Aengstlich und geschwind Mit einem Schleier hat das blasse Gesicht bedeckt das arme Kind;
Denn gift′ge Dünste weh′n erstickend, Und halb bewußtlos, sterbensmatt, Fühlt sie den schwachen Athem schwinden, Den sie zum Blasen nöthig hat.
In Regenbogenfarben spielen Rings um sie die Kristalle all′; - Doch ihres Auges Iris bleichet, Trüb wird sein leuchtender Kristall.
Auf′s neue setzt sie in die Gluthen Den schön gefärbten Glasesguß, Der sich zu klaren Purpurfluthen Im Höllenfeuer läutern muß.
Sie prüfet mit der Eisenruthe Das klar geword′ne rothe Glas; - Wie glüht so purpurroth die Masse, - Des Mädchens Wange, ach, wie blaß!
Sie hebt die Masse aus dem Ofen, Daß sie verkühl′ ein wenig nur, - Und formt, die Zeit nicht zu verlieren, Erst die verlangte Perlenschnur.
Für jede Perle, die sie bildet, Gleich einem Thauestropfen licht, Rollt eine heiße Schmerzensthräne Von ihrem bleichen Angesicht.
Also bedeuten Perlen Thränen, Erpreßt durch schwerer Armuth Druck; Doch ahnungslos schlingt ihr mit Lächeln In euer Haar den Perlenschmuck.
Jetzt ist die Masse recht zum Blasen; “O! wenn der Kelch der Rose gleicht, Wie meine Perlen Thauestropfen, Schenkt er die Stunde mir vielleicht.”
Das Mägdlein strengt zum heißen Werke Den schwachen Athem an mit Macht; - Schon dehnt sich aus die glüh′nde Kugel Zu eines Kelches Rosenpracht.
In ihren Pulsen stürmt das Fieber, Es jagt ihr Blut in wildem Lauf; Noch einmal flammen ihre Augen, Wie Kerzen vor′m Erlöschen, auf.
Und immer heller ist die Rose Des Purpurkelches aufgegangen, Und röther, immer röther glühen Des Mägdleins sonst so blasse Wangen.
Die letzten Lebensgluthen haucht sie Mit Todeshast in′s schöne Glas. Die Purpurrose ist vollendet; - Das Mägdlein liegt entseelt und blaß.
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Interpretation
Das Gedicht "Glas" von Louise von Plönnies erzählt die tragische Geschichte eines sterbenden Mädchens, das in einer armen Hütte lebt und arbeitet, um ihre kranke Mutter zu unterstützen. Die junge Frau ist gezwungen, in einer Glasfabrik zu arbeiten, um das nötige Geld zu verdienen. Die Fabrikarbeit ist gefährlich und anstrengend, und das Mädchen muss sich den giftigen Dämpfen und der Hitze des Ofens aussetzen. Das Gedicht beschreibt die körperliche und emotionale Belastung, die das Mädchen durch die Arbeit und die Sorge um ihre Mutter erleidet. Ihre Gesundheit verschlechtert sich zusehends, und ihre einst fröhliche Natur verblasst. Trotz ihrer Erschöpfung und Krankheit setzt sie ihre Arbeit fort, um ihrer Mutter zu helfen. Am Ende des Gedichts stirbt das Mädchen, nachdem sie einen wunderschönen, rosenförmigen Kelch aus Glas geblasen hat. Ihr letzter Atemzug geht in das Glas, das nun als Symbol für ihre Selbstlosigkeit und ihren unermüdlichen Einsatz für ihre Mutter steht. Das Gedicht endet mit der Beschreibung des leblosen Körpers des Mädchens, das seine Aufgabe erfüllt hat, aber den Preis seines eigenen Lebens gezahlt hat.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Zum Färben ist das Glas bereit
- Bildsprache
- In Regenbogenfarben spielen Rings um sie die Kristalle all'
- Hyperbel
- Und halb bewußtlos, sterbensmatt
- Ironie
- Und Perlen gilt es dann zu blasen; Wenn jede einem Tropfen gleicht
- Kontrast
- Des Mädchens Wange, ach, wie blaß!
- Metapher
- Das Mägdlein liegt entseelt und blaß
- Personifikation
- Die frische Lebenskraft verbraucht
- Symbolik
- Also bedeuten Perlen Thränen
- Vergleich
- Wie Kerzen vor'm Erlöschen, auf