Glanzgesang

Ernst Wilhelm Lotz

1916

Von blauem Tuch umspannt und rotem Kragen, Ich war ein Fähnrich und ein junger Offizier. Doch jene Tage, die verträumt manchmal in meine Nächte ragen, Gehören nicht mehr mir.

Im großen Trott bin ich auf harten Straßen mitgeschritten, Vom Staub der Märsche und vom grünen Wind besonnt. Ich bin durch staunende Dörfer, durch Ströme und alte Städte geritten, Und das Leben war wehend blond.

Die Biwakfeuer flammten wie Sterne im Tale, Und hatten den Himmel zu ihrem Spiegel gemacht, Von schwarzen Bergen drohten des Feindes Alarm-Fanale, Und Feuerballen zersprangen prasselnd in Nacht.

So kam ich, braun vom Sommer und hart von Winterkriegen, In große Kontore, die staubig rochen herein, Da mußte ich meinen Rücken zur Sichel biegen Und Zahlen mit spitzen Fingern in Bücher reihn.

Und irgendwo hingen die grünen Küsten der Fernen, Ein Duft von Palmen kam schwankend vom Hafen geweht, Weiß rasteten Karawanen an Wüsten-Zisternen, Die Häupter gläubig nach Osten gedreht.

Auf Ozeanen zogen die großen Fronten Der Schiffe, von fliegenden Fischen kühl überschwirrt, Und breiter Prärien glitzernde Horizonte Umkreisten Gespanne, für lange Fahrten geschirrt.

Von Kameruns unergründlichen Wäldern umsungen, Vom mörderischen Brodem des Bodens umloht, Gehorchten zitternde Wilde, von Geißeln der Weißen umschwungen, Und schwarz von Kannibalen der glühenden Wälder umdroht!

Amerikas große Städte brausten im Grauen, Die Riesenkräne griffen mit heiserm Geschrei In die Bäuche der Schiffe, die Frachten zu stauen, Und Eisenbahnen donnerten landwärts vom Kai. —-

So hab ich nachbarlich alle Zonen gesehen, Rings von den Pulten grünten die Inseln der Welt, Ich fühlte den Erdball rauchend sich unter mir drehen, Zu rasender Fahrt um die Sonne geschnellt. - -

Da warf ich dem Chef an den Kopf seine Kladden! Und stürmte mit wütendem Lachen zur Türe hinaus. Und saß durch Tage und Nächte mit satten und glatten Bekannten bei kosmischem Schwatzen im Kaffeehaus.

Und einmal sank ich rückwärts in die Kisten, Von einem angstvoll ungeheuren Druck zermalmt. - Da sah ich. Daß in vagen Finsternissen Noch sternestumme Zukunft vor mir qualmt.

Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Illustration zu Glanzgesang

Interpretation

Das Gedicht "Glanzgesang" von Ernst Wilhelm Lotz schildert das Leben eines ehemaligen Fähnrichs, der seine militärische Vergangenheit hinter sich lässt und in die Geschäftswelt eintritt. Der Protagonist erinnert sich an seine Zeit als junger Offizier, in der er durch staunende Dörfer, Ströme und alte Städte ritt und das Leben als wehend blond empfand. Er erlebte Biwakfeuer, die wie Sterne im Tale flackerten, und wurde von den Alarm-Fanale des Feindes bedroht. Nach dem Krieg findet sich der Protagonist in großen Kontoren wieder, wo er seinen Rücken zur Sichel biegen und Zahlen in Bücher reihen muss. Doch sein Fernweh und die Sehnsucht nach Abenteuer lassen ihn nicht los. Er träumt von den grünen Küsten der Ferne, dem Duft von Palmen und den Karawanen, die an Wüsten-Zisternen rasten. Die großen Städte Amerikas brausen im Grauen, und die Riesenkräne greifen in die Bäuche der Schiffe, um die Frachten zu stauen. Schließlich wirft der Protagonist seinem Chef die Kladden an den Kopf und stürmt wütend zur Tür hinaus. Er verbringt seine Tage und Nächte im Kaffeehaus, wo er mit Bekannten über kosmische Themen schwätzt. Doch eines Tages sinkt er in die Kisten zurück, von einem ungeheuren Druck zermalmt. In der vagen Finsternis qualmt noch sternestumme Zukunft vor ihm, was auf die ungewisse Zukunft und die möglichen Konsequenzen seiner Entscheidungen hindeutet.

Schlüsselwörter

tage nächte großen grünen städte kam große schiffe

Wortwolke

Wortwolke zu Glanzgesang

Stilmittel

Metapher
Da sah ich. Daß in vagen Finsternissen Noch sternestumme Zukunft vor mir qualmt
Vergleich
Die Biwakfeuer flammten wie Sterne im Tale