Giselheer, dem Heiden
1869Ich weine - meine Träume fallen in die Welt.
In meine Dunkelheit wagt sich kein Hirte.
Meine Augen zeigen nicht den Weg wie die Sterne.
Immer bettle ich vor deine Seele; weißt du das?
Wär ich doch blind - dächte dann, ich läg in deinem Leib.
Alle Blüten täte ich zu deinem Blut.
Ich bin vielreich, niemandwer kann mich pflücken,
Oder meine Gaben tragen heim.
Ich will dich ganz zart mich lehren; schon weißt du mich zu nennen.
Sieh meine Farben, schwarz und stern,
und mag den kühlen Tag nicht, der hat ein Glasauge.
Alles ist tot, nur du und ich nicht.
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Interpretation
Das Gedicht "Giselheer, dem Heiden" von Else Lasker-Schüler ist ein lyrisches Werk, das von Sehnsucht und Verzweiflung geprägt ist. Die Sprecherin, vermutlich eine Frau, drückt ihre tiefe emotionale Abhängigkeit von einer Person namens Giselheer aus. Die Dunkelheit und das Weinen symbolisieren ihre innere Zerrissenheit und Einsamkeit. Sie fühlt sich von Giselheer angezogen, aber auch von ihm entfremdet, da ihre Augen nicht den Weg weisen wie die Sterne. Die Sprecherin sehnt sich danach, von Giselheer geliebt und verstanden zu werden, und vergleicht sich selbst mit einer Blume, die nur von ihm gepflückt werden kann. Die Sprecherin beschreibt ihre Gefühle als reich und vielfältig, aber auch ungreifbar und schwer zu tragen. Sie bittet Giselheer, sie sanft zu lehren und zu erkennen, wie sie ist. Die Farben Schwarz und Stern symbolisieren ihre Dunkelheit und ihre Hoffnung auf Licht und Erkenntnis. Die Sprecherin hasst den Tag, der sie mit seinem Glasauge blendet und ihr die Wahrheit vorenthält. Sie fühlt sich von der Welt abgeschnitten und allein gelassen, außer von Giselheer, der ihr einziges Lebenszeichen ist. Das Gedicht endet mit einer paradoxen Aussage: Alles ist tot, nur die Sprecherin und Giselheer nicht. Dies könnte bedeuten, dass die Liebe zwischen ihnen die einzige Kraft ist, die sie am Leben hält und ihnen einen Sinn gibt. Oder es könnte auch eine ironische Bemerkung sein, dass sie beide in ihrer eigenen Welt gefangen sind und die Realität nicht wahrnehmen. Das Gedicht lässt den Leser mit einem Gefühl von Ungewissheit und Ambivalenz zurück, da es nicht klar ist, ob die Beziehung zwischen der Sprecherin und Giselheer erfüllend oder zerstörerisch ist.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Hyperbel
- Oder meine Gaben tragen heim
- Kontrast
- Alles ist tot, nur du und ich nicht
- Metapher
- der hat ein Glasauge
- Personifikation
- In meine Dunkelheit wagt sich kein Hirte