Gimpel

Anastasius Grün

1876

In des Waldes Kathedrale Rauscht das Laub als Sonntagsglocken, Glühn als goldne Ampelstrahle Hell der Sonne Lichterflocken.

Und die gläub’gen Vöglein wallen, Sonntaglich an Leib und Feder, Zu des Buchbaums grünen Hallen, Wo ein Ast ragt als Katheder.

Dompfaff Gimpel predigt dorten, Der die Frau’n und Herrn begeistert, Weil er klug mit Salbungsworten Jene rührt und diese meistert.

Läßt nicht gut von schwarzem Sammet Ihm das Soli-deo-käppchen? Roth die Domherrnweste flammet, Zierlich fällt das schwarze Schleppchen.

Seine engbestrumpften Beine Weiß er anstandsvoll zu stellen, Dem Asketeneifer feine Weltmanieren zu gesellen.

»O ihr Sünder, unbußfertig, Wandelnd auf des Irrfals Wegen, Seid des Götterzorns gewärtig, Der euch allwärts droht entgegen.

Meidet die Gewohnheitsünden Kirschen, Hanfkorn, Weizenähren, Laßt euch nicht von Lust entzünden Zu Wachholders schnöden Beeren!

Denn Leimruthen, Netze, Kloben Drohn euch dort als Fegefeuer, Drin in Qual ihr werdet toben, Und aus dem Befreiung theuer.

Wehe! Den verstockten Bösen Gähnt die Hölle Vogelbauer, Daraus nimmer ein Erlösen, Drin der Pips und ew’ge Trauer!

Nun geht heim und unbethöret Weiter am Wachholderhage; Denkt der Predigt, bis ihr höret Deren Ende heut acht Tage.«

Doch am nächsten Festesmorgen Unbesetzt ragt der Katheder; Wo der Pred’ger sich verborgen, Sucht mit Angst und Neugier Jeder.

Am Wachholder düstre Reste! An den Kloben sein Gefieder! Ein Stück Mantel, ein Stück Weste! Ach, kein Auge sah ihn wieder.

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Illustration zu Gimpel

Interpretation

Das Gedicht "Gimpel" von Anastasius Grün erzählt von einem Dompfaff namens Gimpel, der in der "Waldes Kathedrale" als Prediger auftritt. Er hält eine eindringliche Predigt vor den "gläubigen Vöglein", warnt sie vor den "Gewohnheitssünden" wie Kirschen, Hanfkorn und Weizenähren und droht ihnen mit den Gefahren von Leimruthen, Netzen und Kloben als "Fegefeuer". Gimpel mahnt die Vögel zur Buße und ermahnt sie, den Weg der Sünde zu meiden. Am nächsten Festtag jedoch ist der Predigerstuhl unbesetzt, und die Vögel suchen besorgt nach Gimpel. Die letzten Strophen des Gedichts enthüllen das tragische Schicksal des Dompfaffen: An einem Wacholderstrauch finden sich seine Überreste, an den Kloben sein Gefieder, ein Stück Mantel und ein Stück Weste. Gimpel ist den Gefahren zum Opfer gefallen, vor denen er gewarnt hatte, und kein Auge hat ihn je wieder gesehen. Das Gedicht kann als eine satirische Kritik an der Heuchelei und den Widersprüchen in der Kirche verstanden werden. Gimpel, der Prediger, warnt vor den Sünden, denen er selbst zum Opfer fällt. Die Ironie liegt darin, dass der Prediger selbst den Gefahren zum Opfer fällt, vor denen er gewarnt hatte. Das Gedicht verdeutlicht die Diskrepanz zwischen den moralischen Lehren und dem tatsächlichen Verhalten der Geistlichen und wirft Fragen nach der Glaubwürdigkeit und Aufrichtigkeit religiöser Führer auf.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Metapher
Stück Mantel, ein Stück Weste
Personifikation
In des Waldes Kathedrale rauscht das Laub als Sonntagsglocken
Vergleich
Rauscht das Laub als Sonntagsglocken