Gewohnt, getan

Johann Wolfgang von Goethe

1782

Ich habe geliebet, nun lieb ich erst recht! Erst war ich der Diener, nun bin ich der Knecht. Erst war ich der Diener von allen; Nun fesselt mich diese scharmante Person, Sie tut mir auch alles zur Liebe, zum Lohn, Sie kann nur allein mir gefallen.

Ich habe geglaubet, nun glaub ich erst recht! Und geht es auch wunderlich, geht es auch schlecht, Ich bleibe beim gläubigen Orden: So düster es oft und so dunkel es war In drängenden Nöten, in naher Gefahr, Auf einmal ist′s lichter geworden.

Ich habe gespeiset, nun speis ich erst gut! Bei heiterem Sinne, mit fröhlichem Blut Ist alles an Tafel vergessen. Die Jugend verschlingt nur, dann sauset sie fort; Ich liebe zu tafeln am lustigen Ort, Ich kost und ich schmecke beim Essen.

Ich habe getrunken, nun trink ich erst gern! Der Wein, er erhöht uns, er macht uns zum Herrn Und löset die sklavischen Zungen. Ja, schonet nur nicht das erquickende Naß: Denn schwindet der älteste Wein aus dem Faß, So altern dagegen die jungen.

Ich habe getanzt und dem Tanze gelobt, Und wird auch kein Schleifer, kein Walzer getobt, So drehn wir ein sittiges Tänzchen. Und wer sich der Blumen recht viele verflicht Und hält auch die ein und die andere nicht, Ihm bleibet ein munteres Kränzchen.

Drum frisch nur aufs neue! Bedenke dich nicht: Denn wer sich die Rosen, die blühenden, bricht, Den kitzeln fürwahr nur die Dornen. So heute wie gestern, es flimmert der Stern; Nur halte von hängenden Köpfen dich fern Und lebe dir immer von vornen.

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Illustration zu Gewohnt, getan

Interpretation

Das Gedicht "Gewohnt, getan" von Johann Wolfgang von Goethe thematisiert die steigende Intensität und Hingabe des lyrischen Ichs in verschiedenen Lebensbereichen. Es beginnt mit der Liebe, die vom Dienstverhältnis zum Knechtschaft übergeht, wobei die Person des Geliebten immer mehr fesselt und das einzige Objekt der Zuneigung wird. Dies deutet auf eine zunehmende emotionale Abhängigkeit und Leidenschaft hin. Im zweiten Teil widmet sich das Gedicht dem Glauben. Trotz widriger Umstände und dunkler Zeiten bleibt das lyrische Ich dem Glauben treu. Die plötzliche Erleuchtung symbolisiert Hoffnung und die Kraft des Glaubens, selbst in schwierigen Situationen. Diese Passage unterstreicht die Standhaftigkeit und den unerschütterlichen Glauben des lyrischen Ichs. Die folgenden Strophen behandeln die Themen Essen, Trinken und Tanzen. Beim Essen wird die Freude am gemeinsamen Mahl und die Fähigkeit, die Jugend zu vergessen, betont. Beim Trinken wird der Wein als befreiend und erhebend dargestellt, der die Zungen löst und das Alter überwindet. Beim Tanzen wird die Freude an der Bewegung und der Gemeinschaft hervorgehoben, selbst wenn es nicht die aufregendsten Tänze sind. Die abschließende Aufforderung, das Leben mit Freude und ohne Zögern zu genießen, rundet das Gedicht ab und ermutigt dazu, das Leben in vollen Zügen zu leben und sich von negativen Gedanken fernzuhalten.

Schlüsselwörter

erst habe recht diener liebe geht wein kein

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Stilmittel

Anapher
Ich habe geliebet, nun lieb ich erst recht! / Ich habe geglaubet, nun glaub ich erst recht! / Ich habe gespeiset, nun speis ich erst gut! / Ich habe getrunken, nun trink ich erst gern! / Ich habe getanzt und dem Tanze gelobt
Bildsprache
In drängenden Nöten, in naher Gefahr
Hyperbel
So düster es oft und so dunkel es war
Kontrast
Erst war ich der Diener, nun bin ich der Knecht
Metapher
Und lebe dir immer von vornen
Personifikation
Sie tut mir auch alles zur Liebe, zum Lohn