Gewitterabend

Friedrich Halm

1806

Ich weiß den Tag, ich weiß die Stunde Da meine Seele sich zuerst gestanden, Sie trage deines Zaubers Joch, Sie liege willenlos in deinen Banden.

Du ruhtest still im Moose, weißt du noch? Am Waldsaum war′s, schwül sank der Abend nieder, Du schliefest, oder schlossest doch Im wachen Traum die müden Augenlider!

Ich aber, zitternd über dich gebückt, Ich sah dich an in selig scheuen Zügen, Von Schmerz zugleich und Lust durchzückt Bis plötzlich du die Augen aufgeschlagen!

Dein Blick berührt′ mich, so berührt ein Blitz, Und klar war alles! Was in dunklem Triebe Mein Herz ersehnt′, war dein Besitz, Und was zu mir dich zog, war deine Liebe!

Ich weiß den Abend, weiß die Stunde noch! Heiß war der Tag, Gewitter in den Lüften, Und nachtendes Gewölke kroch Empor schon feindlich aus der Berge Klüften!

Wir kehrten heim; denn finstrer stets ringsum Begann der Himmel drohend sich zu schwärzen, Wir aber trugen selig stumm Des Glückes vollen Sonnenschein im Herzen!

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Illustration zu Gewitterabend

Interpretation

Das Gedicht "Gewitterabend" von Friedrich Halm erzählt von einem entscheidenden Moment der Liebe und Erkenntnis zwischen zwei Personen. Der Sprecher erinnert sich an einen bestimmten Tag und eine bestimmte Stunde, in der er seine Seele zum ersten Mal dem Zauber der Geliebten unterwirft und sich willenlos in ihre Bande legt. Die Szene spielt sich in einem Wald ab, wo die Geliebte im Moos ruht, während der Abend schwül und bedrohlich wird. Der Sprecher betrachtet sie mit einer Mischung aus Schmerz und Lust, bis sie plötzlich die Augen aufschlägt und ihn mit einem Blick berührt, der wie ein Blitz alles klar macht. Der Blick der Geliebten offenbart dem Sprecher, dass seine tiefsten Wünsche und Sehnsüchte bereits ihr Eigentum sind und dass es ihre Liebe ist, die ihn zu ihr zieht. Die Atmosphäre des Gedichts ist von einer intensiven emotionalen Spannung geprägt, die durch das aufziehende Gewitter noch verstärkt wird. Die Natur spiegelt die inneren Zustände der Liebenden wider, wobei das Gewitter die aufkommende Leidenschaft und die drohende Intensität ihrer Beziehung symbolisiert. Trotz der dunklen und bedrohlichen Umgebung kehren die Liebenden nach Hause zurück, getragen von einem inneren Glück und Sonnenschein in ihren Herzen. Das Gedicht endet mit einem Kontrast zwischen der äußeren Finsternis und der inneren Erleuchtung durch die Liebe. Die Erinnerung an diesen Abend bleibt dem Sprecher als ein Moment der vollkommenen Klarheit und des Glücks in Erinnerung, der durch die äußeren Umstände nicht getrübt werden kann.

Schlüsselwörter

weiß tag stunde abend selig berührt seele zuerst

Wortwolke

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Stilmittel

Anapher
Ich weiß den Tag, ich weiß die Stunde
Kontrast
Wir aber trugen selig stumm Des Glückes vollen Sonnenschein im Herzen
Metapher
Dein Blick berührt mich, so berührt ein Blitz
Personifikation
Und nachtendes Gewölke kroch Empor schon feindlich aus der Berge Klüften