Getäuschte Hoffnung
1790Im stillen Wiesenthale Ich einsam mich erging, Als mich mit einemmale Die feuchte Nacht umfing.
Die Sonne war gesunken, Das Abendroth verglüht, Die letzten goldnen Funken Verglimmend ausgesprüht.
Die Nachtigall mit Schalle Sang rings die Fluren ein; Die Blumen schliefen alle, Ich wacht’ im Thal allein.
Nicht fern aus einem Hause, Das, wie aus Duft gebaut, Still wie des Siedlers Klause, Aus Baumesdunkel schaut';
Hör’ ich ein lieblich Klingen Melodisch durch die Nacht Von Kuß und Wonnen singen, Und junger Liebe Macht. –
Und wie auf linden Wogen Ein Kahn vom Hauch der Lust, Fühl’ ich mein Herz gezogen Hin, wo das Lied mich ruft.
Und vor mir auf dem Wege Tanzt hell ein goldner Schein, Durch die verschlungnen Stege Geleiter mir zu seyn.
Doch wie ich näher gehe, Erstirbt der holde Schein, Das Lied verklingt – ich stehe Im öden Moor allein.
Der Weg ist mir verschwunden, Hinweggerückt das Haus, Mich hält die Nacht gebunden, Die Leuchte – sie losch aus.
Getäuscht hat mich ein Schimmer, Der mich gelockt von fern; Ein Irrlicht war der Flimmer, Ich hielt’s für einen Stern! –
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Interpretation
Das Gedicht "Getäuschte Hoffnung" von Joseph Christian von Zedlitz erzählt die Geschichte eines einsamen Spaziergängers, der in ein stilles Wiesental eintaucht und von der hereinbrechenden Nacht überrascht wird. Die Stimmung ist zunächst von Ruhe und Schönheit geprägt, während die Natur in den Abend übergeht und die Nachtigall ihr Lied erklingen lässt. Der Protagonist hört aus der Ferne eine liebliche Melodie, die von Liebe und Wonne singt, und fühlt sich magisch von ihr angezogen. Die Anziehungskraft des Liedes und das geheimnisvolle Leuchten führen den Wanderer auf einen Pfad, der ihn tiefer in die Dunkelheit zieht. Die Hoffnung auf eine erfüllende Begegnung oder ein romantisches Erlebnis wird durch das plötzliche Erlöschen des Lichts und das Verstummen des Liedes jäh enttäuscht. Der Protagonist findet sich allein im öden Moor wieder, umgeben von Dunkelheit und Verwirrung. Der Weg ist verschwunden, das Haus, das als Ziel schien, ist nicht mehr zu sehen, und die Nacht hält ihn gefangen. Die Interpretation des Gedichts liegt in der Metapher der getäuschten Hoffnung. Das Irrlicht, das den Wanderer von fern gelockt hat, symbolisiert eine trügerische Verheißung oder einen unerreichbaren Traum. Die Verwechslung des Irrlichts mit einem Stern deutet auf die menschliche Neigung hin, Illusionen für Wirklichkeit zu halten und sich von falschen Versprechungen leiten zu lassen. Am Ende bleibt der Wanderer in der Dunkelheit zurück, enttäuscht und allein, ein Sinnbild für die Enttäuschung, die eintritt, wenn sich Träume als unerfüllbar erweisen.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Metapher
- Ich hielt's für einen Stern
- Personifikation
- Die Nachtigall mit Schalle sang rings die Fluren ein
- Symbolik
- Leuchte
- Vergleich
- Das, wie aus Duft gebaut