Alles dacht′ ich mir schöner, eh′ ich′s mit Augen gesehen,
Und erstaunte, wie klein alles in Wirklichkeit ist.
Wie hat nur mich St. Peter getäuscht, nach der Reisebeschreibung
Sollt′ er noch einmal so hoch, einmal so prächtig noch sein.
Reden sie vom Capitol, ich erwartet′ es hoch in den Lüften,
Und noch einmal so schön dacht′ ich′s Museum mir selbst;
Und der tarpejische Fels! Doch wenigstens auch wie der Montblanc
Glaubt′ ich ihn hoch, und er ist doch wie ein Hügelchen nur.
Auch das Colosseum, ich dacht′ es noch einmal so furchtbar,
Britten kämen wohl hier nicht ohne Extrapost durch.
Wie ist der Corso so eng! Vierhundert Kirchen und dennoch
Fast kein Thürmchen, und welch Flüßchen der Tiber nur ist!
Raffaels Stanzen, da hofft′ ich doch auch hellschimmernde Farben,
Aber welch häßlicher Wust, schmutziges Alter und Staub!
Dann das jüngste Gericht ist ein Fleischmarkt, und die Sistina
Hätt′ ich mir hundertmal schöner und größer gedacht.
Selbst die Weiber gefallen mir nicht und all′ das Gerede,
Falsch ist′s, ich hab′ sie mir traun hundertmal schöner gedacht.
Auch was sie fabeln zu Hause von italiänischem Himmel,
Nein! Ich habe davon nicht auch ein Bißchen gemerkt.
Uebrigens kann ich zu Haus mich rühmen: ich hab′ es gesehen,
Und natürlich, dann ist′s – schöner noch als ich′s gedacht.
Getäuschte Erwartung
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Kurze Interpretation des Gedichts
Das Gedicht „Getäuschte Erwartung“ von Wilhelm Friedrich Waiblinger ist eine ironische Abrechnung mit den eigenen Erwartungen und der Realität, insbesondere im Kontext einer Italienreise. Der Dichter beginnt mit einer allgemeinen Feststellung, dass alles, was er sich zuvor vorgestellt hatte, schöner war als die tatsächliche Erfahrung. Dieses Motiv der Ernüchterung durchzieht das gesamte Gedicht und wird anhand konkreter Beispiele aus Rom veranschaulicht.
Waiblinger nimmt sich eine Reihe von Sehenswürdigkeiten und kulturellen Highlights vor, um die Diskrepanz zwischen Erwartung und Wirklichkeit aufzuzeigen. So werden St. Peter, das Kapitol, das Museum, der tarpejische Fels, das Kolosseum, der Corso, Kirchen, die Raffaels Stanzen, die Sixtinische Kapelle und sogar die italienischen Frauen und der Himmel kritisch betrachtet. Die anfängliche Begeisterung und Erwartung weicht einer Enttäuschung, die sich in abwertenden Beschreibungen wie „klein“, „häßlicher Wust“, „schmutziges Alter und Staub“ und „Fleischmarkt“ manifestiert. Das Gedicht spielt mit dem Kontrast zwischen der vorgefassten Meinung und der tatsächlichen Erscheinung, was zu einem humorvollen und zugleich melancholischen Effekt führt.
Die Ironie des Gedichts kulminiert im letzten Vers: „Uebrigens kann ich zu Haus mich rühmen: ich hab‘ es gesehen, / Und natürlich, dann ist’s – schöner noch als ich’s gedacht.“ Hier verkehrt Waiblinger die anfängliche Feststellung ins Gegenteil. Durch das „Nach Hause gehen“ und die Distanz zur tatsächlichen Erfahrung, die in der Vergangenheit lag, kann die Erinnerung idealisiert und die anfängliche Enttäuschung überwunden werden. Der Dichter suggeriert, dass die wahre Schönheit in der retrospektiven Betrachtung und der Erinnerung liegt, die die Mängel der Realität ausblendet. Dies unterstreicht die Fähigkeit des menschlichen Geistes, die Vergangenheit zu verklären und Erwartungen durch Imagination zu übertreffen.
Die Sprache des Gedichts ist einfach und direkt, was die Wirkung der ironischen Aussagen noch verstärkt. Waiblinger verwendet eine Reihe von rhetorischen Fragen und negativen Formulierungen, um seine Enttäuschung und seine Kritik an der Realität zu verdeutlichen. Der Humor des Gedichts entsteht aus der Übertreibung und der überraschenden Wendung am Ende. Waiblingers „Getäuschte Erwartung“ ist somit eine Satire auf die romantisierenden Vorstellungen von Kunst, Kultur und dem Leben in Italien sowie eine Reflexion über die Macht der Erinnerung und der menschlichen Psyche.
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Lizenz und Verwendung
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