Getäuschte Erwartung
1804Alles dacht′ ich mir schöner, eh′ ich′s mit Augen gesehen, Und erstaunte, wie klein alles in Wirklichkeit ist. Wie hat nur mich St. Peter getäuscht, nach der Reisebeschreibung Sollt′ er noch einmal so hoch, einmal so prächtig noch sein. Reden sie vom Capitol, ich erwartet′ es hoch in den Lüften, Und noch einmal so schön dacht′ ich′s Museum mir selbst; Und der tarpejische Fels! Doch wenigstens auch wie der Montblanc Glaubt′ ich ihn hoch, und er ist doch wie ein Hügelchen nur. Auch das Colosseum, ich dacht′ es noch einmal so furchtbar, Britten kämen wohl hier nicht ohne Extrapost durch. Wie ist der Corso so eng! Vierhundert Kirchen und dennoch Fast kein Thürmchen, und welch Flüßchen der Tiber nur ist! Raffaels Stanzen, da hofft′ ich doch auch hellschimmernde Farben, Aber welch häßlicher Wust, schmutziges Alter und Staub! Dann das jüngste Gericht ist ein Fleischmarkt, und die Sistina Hätt′ ich mir hundertmal schöner und größer gedacht. Selbst die Weiber gefallen mir nicht und all′ das Gerede, Falsch ist′s, ich hab′ sie mir traun hundertmal schöner gedacht. Auch was sie fabeln zu Hause von italiänischem Himmel, Nein! Ich habe davon nicht auch ein Bißchen gemerkt. Uebrigens kann ich zu Haus mich rühmen: ich hab′ es gesehen, Und natürlich, dann ist′s - schöner noch als ich′s gedacht.
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Interpretation
Das Gedicht "Getäuschte Erwartung" von Wilhelm Friedrich Waiblinger handelt von der Enttäuschung des lyrischen Ichs, als es Rom zum ersten Mal mit eigenen Augen sieht. Das Gedicht beschreibt die Diskrepanz zwischen der Vorstellung des lyrischen Ichs von Rom, die durch Geschichten und Beschreibungen geprägt war, und der Realität, die sich als viel weniger beeindruckend erweist. Das lyrische Ich beschreibt, wie es sich Rom und seine Sehenswürdigkeiten viel größer, prächtiger und beeindruckender vorgestellt hatte. Es vergleicht seine Erwartungen mit der tatsächlichen Größe und Schönheit von Orten wie dem Petersdom, dem Kapitol, dem Tarpejischen Felsen und dem Kolosseum. Es stellt fest, dass diese Orte viel kleiner und weniger beeindruckend sind, als es sich vorgestellt hatte. Auch die Frauen und der Himmel Italiens entsprechen nicht seinen Erwartungen. Trotz der Enttäuschung gibt das lyrische Ich zu, dass es sich rühmen kann, Rom gesehen zu haben. Es fügt jedoch hinzu, dass es natürlich schöner ist als es gedacht hat, was darauf hindeutet, dass die Erfahrung, Rom tatsächlich gesehen zu haben, trotz der Enttäuschung immer noch wertvoll ist.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Hyperbel
- Und noch einmal so schön dacht′ ich′s Museum mir selbst;
- Ironie
- Uebrigens kann ich zu Haus mich rühmen: ich hab′ es gesehen, Und natürlich, dann ist′s - schöner noch als ich′s gedacht.
- Metapher
- Das jüngste Gericht ist ein Fleischmarkt
- Vergleich
- Doch wenigstens auch wie der Montblanc