Gespenster
1882Am Horizonte glomm des Abends Feuer Ich stieg, indes die Purpurglut verblich, Zum Römerturm empor und lehnte mich Randüber auf das dunkelnde Gemäuer -
Und sah, wie sich am Hange, scheu und scheuer, Die Beerenleserin vorüberschlich. Das arme Weibchen drückt und duckte sich Und schlug ein Kreuz: ihr war es nicht geheuer.
Mich flog ein Lächeln an. Im Eppich neben Der Brüstung flüsterts: “Freund, in deinem Leben Ist auch ein Ort, wo die Gespenster schweben!
Führt dich Erinnrung dem zerstörten Ort Vorbei, du huschest noch geschwinder fort Als das von Graun gepackte Weibchen dort.”
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Interpretation
Das Gedicht "Gespenster" von Conrad Ferdinand Meyer beschreibt eine Szene am Abend, in der der Sprecher auf einem römischen Turm steht und eine Beerenleserin am Hang beobachtet. Die Beerenleserin wirkt ängstlich und scheu, als sie sich vorbeischleicht, und schlägt ein Kreuz, was darauf hindeutet, dass sie sich an diesem Ort unwohl fühlt. Der Sprecher lächelt über diese Szene, aber dann flüstert ihm das Eppich neben der Brüstung zu, dass auch er einen Ort in seinem Leben hat, an dem Gespenster schweben. Die Erinnerung an diesen Ort lässt den Sprecher noch schneller fliehen als die ängstliche Beerenleserin. Das Gedicht thematisiert die menschliche Angst vor dem Unbekannten und die Vergänglichkeit des Lebens. Der römische Turm symbolisiert die Vergangenheit und die Überreste einer längst vergangenen Zeit. Die Beerenleserin verkörpert die Angst vor dem Unbekannten und das Bedürfnis, sich vor dem zu schützen, was uns unheimlich ist. Der Sprecher hingegen scheint zunächst über die Ängstlichkeit der Beerenleserin zu lächeln, erkennt aber dann, dass auch er einen Ort in seinem Leben hat, der von Gespenstern heimgesucht wird. Dies kann als Metapher für die Erinnerungen an schmerzhafte oder traumatische Erlebnisse interpretiert werden, die uns auch im Hier und Jetzt noch verfolgen können. Das Gedicht endet mit der Erkenntnis, dass die Erinnerung an diesen Ort den Sprecher noch schneller fliehen lässt als die ängstliche Beerenleserin. Dies verdeutlicht die Macht der Erinnerung und wie sehr sie uns beeinflussen kann. Die Sprache des Gedichts ist bildhaft und eindringlich, und die Verwendung von Naturbildern wie dem Eppich und der Beerenleserin verstärkt die Atmosphäre des Gedichts. Insgesamt ist "Gespenster" ein tiefgründiges Gedicht, das die menschliche Natur und die Auswirkungen der Vergangenheit auf unser gegenwärtiges Leben erforscht.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Bildsprache
- Randüber auf das dunkelnde Gemäuer
- Metapher
- Gespenster schweben
- Personifikation
- Erinnrung dem zerstörten Ort
- Symbolik
- Beerenleserin
- Vergleich
- Geschwinder fort als das von Graun gepackte Weibchen