Gespenst an der Kanderer Straße
1803‘s git Gspenster, sel isch us und isch verbei! Gang nummen in der Nacht vo Chander hei, und bring e Ruusch! De triffsch e Plätzli a, und dört verirrsch. I setz e Büeßli dra. Vor Ziten isch nit wit vo sellem Platz e Hüsli gsi; e Frau, e Chind, e Chatz hen g’otmet drinn. Der Ma het vorem Zelt si Lebe glo im Heltelinger Feld. Und wo sie hört: »Di Ma lit unterm Sand«, se het me gmeint, sie stoß der Chopf an d’Wand. Doch holt sie d’Pappe no vom Füür und blost, und git’s im Chind, und seit: »Du bisch mi Trost!« Und ‘s wär’s au gsi. Doch schlicht emol mi Chind zur Türen us, und d’Muetter sizt und spinnt, und meint, ‘s seig in der Chuchi, rüeft und goht, und sieht no just, wie’s uffem Fußweg stoht. Und drüber lauft e Ma, voll Wi und Brenz, vo Chander her ans Chind und überrennt’s, und bis sie ‘n helfe will, sen isch’s scho hi, und rüehrt sie nit – e flösche Bueb isch’s gsi. Jez rüstet sie ne Grab im tiefe Wald, und deckt ihr Chind, und seit: »I folg der bald!« Sie sezt si nieder, hütet’s Grab und wacht, und endli stirbt sie in der nünte Nacht. Und so verwest der Lib in Luft und Wind. Doch sizt der Geist no dört, und hüetet’s Chind, und hütigs Tags, de Trunkene zum Tort, goht d’Chandrer Stroß verbei an sellem Ort. Und schwankt vo Chander her e trunkene Ma, se sieht’s der Geist sim Gang vo witem a, und führt en abwärts, seig er, wer er sei, er loßt en um kei Pris am Grab verbei. Er chunnt vom Weg, er trümmlet hüst und hott, und bsinnt si: »Bini echterst, woni sott?« Und luegt und lost, und mauet öbbe d’Chatz, se meint er, ‘s chreih e Guhl an sellem Platz. Er goht druf dar, und über Steg und Bruck se maut sie eben allwil witer zruck; und wenn er meint, er seig jez bald dehei, so stoht er wieder vor der Weserei. Doch, wandle selli Stroß her nüchteri Lüt, se seit der Geist: »Ihr tüent mim Büebli nüt!« Er rührt sie nit, er loßt sie ordeli passieren ihres Weg. – Verstöhndter mi?
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Interpretation
Das Gedicht "Gespenst an der Kanderer Straße" von Johann Peter Hebel erzählt die tragische Geschichte einer Mutter und ihres Kindes, die in einem kleinen Haus lebten. Die Mutter verlor ihren Mann auf dem Feld und ertränkte sich später im Wald, nachdem ihr Kind von einem Trunkenden überfahren wurde. Ihr Geist wacht seither über das Grab des Kindes. Der Geist erscheint in der Nacht und führt betrunkene Männer vom Weg ab, um sie am Grab vorbeizuführen. Er lässt sie nicht los, bis sie am Ort des Unglücks ankommen, wo sie dann von dem Geist erschreckt werden. Der Geist berührt die Männer nicht, sondern lässt sie nur vorbei, wenn sie nüchtern sind. Das Gedicht endet mit einer Frage des Erzählers, ob der Zuhörer die Geschichte versteht. Es vermittelt eine düstere Atmosphäre und thematisiert den Kreislauf von Trauer, Schuld und Vergeltung.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Gang nummen in der Nacht vo Chander hei
- Hyperbel
- Sie setzt sich nieder, hütet das Grab und wacht
- Kontrast
- Doch, wandle selli Stroß her nüchteri Lüt
- Metapher
- Der Geist sitzt noch dort und hütet das Kind
- Personifikation
- Der Geist führt ihn abwärts
- Wiederholung
- Und geht druf dar, und über Steg und Bruck