Gesicht des Reisenden

Ferdinand Freiligrath

1876

Mitten in der Wüste war es, wo wir nachts am Boden ruhten; Meine Beduinen schliefen bei den abgezäumten Stuten. In der Ferne lag das Mondlicht auf der Nilgebirge Jochen; Rings im Flugsand umgekommner Dromedare weiße Knochen!

Schlaflos lag ich; statt des Pfühles diente mir mein leichter Sattel, Dem ich unterschob den Beutel mit der dürren Frucht der Dattel; Meinen Kaftan ausgebreitet hatt’ ich über Brust und Füße; Neben mir mein bloßer Säbel, mein Gewehr und meine Spieße.

Tiefe Stille, nur zuweilen knistert das gesunkne Feuer; Nur zuweilen kreischt verspätet ein vom Horst verirrter Geier; Nur zuweilen stampft im Schlafe eins der angebundnen Rosse; Nur zuweilen fährt ein Reiter träumend nach dem Wurfgeschosse.

Da auf einmal bebt die Erde; auf den Mondschein folgen trüber Dämmrung Schatten: Wüstentiere jagen aufgeschreckt vorüber. Schnaubend bäumen sich die Pferde; unser Führer greift zur Fahne; Sie entsinkt ihm, und er murmelt: Herr, die Geisterkarawane! -

Ja, sie kommt! Vor den Kamelen schweben die gespenst’schen Treiber, Üppig in den hohen Sätteln lehnen schleierlose Weiber; Neben ihnen wandeln Mädchen, Krüge tragend wie Rebekka Einst am Brunnen; Reiter folgen - sausend sprengen sie nach Mekka.

Mehr noch! - Nimmt der Zug kein Ende? - Immer mehr! Wer kann sie zählen? Weh, auch die zerstreuten Knochen werden wieder zu Kamelen, Und der braune Sand, der wirbelnd sich erhebt in dunkeln Massen, Wandelt sich zu braunen Männern, die der Tiere Zügel fassen.

Denn dies ist die Nacht, wo alle, die das Sandmeer schon verschlungen, Deren sturmverwehte Asche heut’ vielleicht an unsern Zungen Klebte, deren mürbe Schädel unsrer Rosse Huf zertreten, Sich erheben und sich scharen, in der heil’gen Stadt zu beten.

Immer mehr! - Noch sind die letzten nicht an uns vorbeigezogen, Und schon kommen dort die ersten schlaffen Zaums zurückgeflogen; Von dem grünen Vorgebirge nach der Babelmandeb-Enge Sausten sie, eh’ noch mein Reitpferd lösen konnte seine Stränge.

Haltet aus, die Rosse schlagen! Jeder Mann zu seinem Pferde! Zittert nicht, wie vor dem Löwen die verirrte Widderherde! Laßt sie immer euch berühren mit den wallenden Talaren! Rufet: Allah! - und vorüber ziehn sie mit den Dromedaren.

Harret bis im Morgenwinde eure Turbanfedern flattern! Morgenwind und Morgenröte werden ihnen zu Bestattern. Mit dem Tage wieder Asche werden diese nächt’gen Zieher! Seht, er dämmert schon! Ermut’gend grüßt ihn meines Tiers Gewieher.

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Illustration zu Gesicht des Reisenden

Interpretation

Das Gedicht "Gesicht des Reisenden" von Ferdinand Freiligrath beschreibt eine nächtliche Begegnung mit einer gespenstischen Karawane in der Wüste. Der Erzähler liegt schlaflos in der Wüste, als plötzlich die Erde bebt und eine riesige Geisterkarawane vorüberzieht. Es handelt sich um die Seelen all jener, die in der Wüste umgekommen sind und sich in dieser Nacht auf den Weg nach Mekka machen, um dort zu beten. Die Karawane ist riesig und scheint kein Ende zu nehmen, da sich sogar die verstreuten Knochen und der Sand in Kamele und braune Männer verwandeln. Die Geisterkarawane zieht majestätisch und unheimlich an den Reisenden vorbei. Der Anführer der Gruppe greift zur Fahne, die jedoch entsinkt, als er murmelt: "Herr, die Geisterkarawane!" Die Reisenden beobachten die Karawane mit einer Mischung aus Ehrfurcht und Furcht. Sie halten sich tapfer, lassen die Geister mit ihren wallenden Talaren berühren und rufen "Allah!", um die Geister zu ermutigen, vorüberzuziehen. Mit der Morgendämmerung verblasst die Geisterkarawane und verwandelt sich wieder in Asche. Die Reisenden sind erleichtert und ermutigt, als sie das Wiehern ihres Pferdes hören. Das Gedicht endet mit der Erkenntnis, dass die Nacht der Geister vorüber ist und der Tag anbricht. Die Begegnung mit der Geisterkarawane hat die Reisenden tief beeindruckt und ihnen die Vergänglichkeit des Lebens vor Augen geführt.

Schlüsselwörter

zuweilen rosse mehr lag knochen reiter folgen vorüber

Wortwolke

Wortwolke zu Gesicht des Reisenden

Stilmittel

Alliteration
Schnaubend bäumen sich die Pferde
Anapher
Nur zuweilen knistert das gesunkne Feuer; Nur zuweilen kreischt verspätet ein vom Horst verirrter Geier; Nur zuweilen stampft im Schlafe eins der angebundnen Rosse; Nur zuweilen fährt ein Reiter träumend nach dem Wurfgeschosse
Bildsprache
Rings im Flugsand umgekommner Dromedare weiße Knochen
Enjambement
Rings im Flugsand umgekommner Dromedare weiße Knochen! Schlaflos lag ich; statt des Pfühles diente mir mein leichter Sattel
Hyperbel
Immer mehr! Wer kann sie zählen?
Kontrast
Mit dem Tage wieder Asche werden diese nächt'gen Zieher! Seht, er dämmert schon!
Metapher
Denn dies ist die Nacht, wo alle, die das Sandmeer schon verschlungen
Personifikation
Da auf einmal bebt die Erde; auf den Mondschein folgen trüber Dämmrung Schatten
Reimschema
Nicht explizit vorhanden, aber eine rhythmische Struktur ist erkennbar
Symbolik
Allah
Vergleich
Zittert nicht, wie vor dem Löwen die verirrte Widderherde