Gesellschaft

Friedrich Theodor Vischer

1887

An einem Tische ganz allein Saß ich im Wirthshaus bei meinem Wein. In der Nebenstube war’s nicht so leer, Laut und lustig ging es da her. Es schienen Männer in jüngeren Jahren, Die wohl alle doch schon erfahren, Was Leben heißt im Philistergeleis, Und die sich verbunden zu fröhlichem Kreis, Verschwundene Tage sich zu erneuen, Der schönen Burschenzeit sich zu erfreuen. Sie sangen die alten Studentenlieder – Nach manchen Jahren hört’ ich sie wieder – Trinklieder, heiße, durstige, Rauschige, tolle, hanswurstige, Aber auch ernste, festlich hohe, Lieder voll heiliger Gluth und Lohe, Wie sie erbrausten mit Sturmeskraft Einst in der Halle der Burschenschaft. Seltsam, als wäre mir’ s angethan, Kam mich ein junges Gelüsten an, Zu den muntern Zechern hineinzudringen Und ohne viel Vorwort mitzusingen; Doch schien es mir ein zu kecker Schritt, Ich ließ es und summte nur leise mit.

Auf einmal war ich nicht mehr allein, Auch nicht zu zweien und nicht zu dreien. Mein Tisch war voll, Besetzt bis zum letzten Zoll. Wohlbekannte junge Gesichter Lachten mich an beim Schein der Lichter, Augen blitzten, Wangen glühten, Stirnen glänzten, Lippen blühten, Locken wallten, Rufe schallten, Gefülltes Trinkhorn machte die Runde, Scherze flogen von Mund zu Munde, Und begann dort drinnen ein neuer Sang, So begann er auch hier, und mit hellerem Klang, Ja es schien, als bleibe der andre Chor Zurück und der unsrige singe vor.

Jetzt wurde das Lied noch angestimmt Vom bemoosten Burschen, der Abschied nimmt, Dem die Brüder noch geben das Geleit, Da zu Ende der Jugend goldne Zeit; Hat’s mancher mit nassen Augen gesungen, Wenn es im trauten Kreis erklungen. Weicher und weicher klang die Weise, Und von den Lippen nur noch leise Flossen die Worte am Liedesschluß: »Das letzte Glas, den letzten Kuß! Ade, ade, ade! Ja Scheiden und Meiden thut weh!«

Nun ward’s still im Nebengemach, Es verstummte der Lieder rauschender Bach. Die Lichter drinnen löschte man aus, Die Nachbarn Zecher gingen nach Haus. Und wie es so still geworden war, Verlor sich auch meiner Gesellen Schaar. Es war Mitternacht. Sie schwanden dahin, Wie Nebelgebilde sich verziehn, Wie ein Wölkchen verschwimmt im Mondenschein, Und am Tische saß ich wieder allein.

Da brach ich auf und gieng gelassen Langsam heim durch die stillen Gassen Und nannte mir zählend so im Gehen Die Namen der Brüder, die ich gesehen, Der guten Kameraden, Die der Gesang zu mir geladen, Der braven, der heitern, so frisch und roth – Lebt keiner mehr, sind alle todt.

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Illustration zu Gesellschaft

Interpretation

Das Gedicht "Gesellschaft" von Friedrich Theodor Vischer beschreibt die Einsamkeit des lyrischen Ichs in einem Wirtshaus, das durch einen Gesangstreffen von jungen Männern gestört wird. Das lyrische Ich sitzt allein an einem Tisch und genießt seinen Wein, während in der Nebenstube eine Gruppe von Männern in jüngeren Jahren fröhlich beisammen ist. Sie singen alte Studentenlieder und erinnern sich an vergangene Tage. Das lyrische Ich fühlt sich von der fröhlichen Stimmung angezogen und überlegt, sich den Zechern anzuschließen, entscheidet sich aber dagegen und summt nur leise mit. Plötzlich wird der Tisch des lyrischen Ichs von bekannten jungen Gesichtern besetzt, die es anlächeln und mit ihm anstoßen. Die Stimmung wird immer ausgelassener und das Lied, das in der Nebenstube gesungen wird, wird auch am Tisch des lyrischen Ichs angestimmt. Das Lied wird von einem jungen Mann gesungen, der sich von seinen Brüdern verabschiedet und ihnen das Geleit gibt. Das Lied wird immer weicher und endet mit den Worten "Das letzte Glas, den letzten Kuß! Ade, ade, ade! Ja Scheiden und Meiden thut weh!" Die Stimmung im Nebengemach wird still und die Lichter werden gelöscht. Die Nachbarn Zecher gehen nach Hause und auch die Gesellen des lyrischen Ichs verschwinden. Das lyrische Ich geht alleine nach Hause und zählt die Namen der Brüder auf, die es gesehen hat. Es stellt fest, dass keiner von ihnen mehr lebt und alle tot sind. Das Gedicht endet mit einer melancholischen Stimmung und der Erkenntnis, dass die Vergangenheit unwiederbringlich verloren ist.

Schlüsselwörter

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Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Laut und lustig ging es da her
Anapher
Ade, ade, ade!
Personifikation
Und von den Lippen nur noch leise Flossen die Worte am Liedesschluß
Synästhesie
Augen blitzten, Wangen glühten, Stirnen glänzten, Lippen blühten
Vergleich
Wie ein Wölkchen verschwimmt im Mondenschein