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Gesellschaft

Von

An einem Tische ganz allein
Saß ich im Wirthshaus bei meinem Wein.
In der Nebenstube war’s nicht so leer,
Laut und lustig ging es da her.
Es schienen Männer in jüngeren Jahren,
Die wohl alle doch schon erfahren,
Was Leben heißt im Philistergeleis,
Und die sich verbunden zu fröhlichem Kreis,
Verschwundene Tage sich zu erneuen,
Der schönen Burschenzeit sich zu erfreuen.
Sie sangen die alten Studentenlieder –
Nach manchen Jahren hört‘ ich sie wieder –
Trinklieder, heiße, durstige,
Rauschige, tolle, hanswurstige,
Aber auch ernste, festlich hohe,
Lieder voll heiliger Gluth und Lohe,
Wie sie erbrausten mit Sturmeskraft
Einst in der Halle der Burschenschaft.
Seltsam, als wäre mir‘ s angethan,
Kam mich ein junges Gelüsten an,
Zu den muntern Zechern hineinzudringen
Und ohne viel Vorwort mitzusingen;
Doch schien es mir ein zu kecker Schritt,
Ich ließ es und summte nur leise mit.

Auf einmal war ich nicht mehr allein,
Auch nicht zu zweien und nicht zu dreien.
Mein Tisch war voll,
Besetzt bis zum letzten Zoll.
Wohlbekannte junge Gesichter
Lachten mich an beim Schein der Lichter,
Augen blitzten, Wangen glühten,
Stirnen glänzten, Lippen blühten,
Locken wallten,
Rufe schallten,
Gefülltes Trinkhorn machte die Runde,
Scherze flogen von Mund zu Munde,
Und begann dort drinnen ein neuer Sang,
So begann er auch hier, und mit hellerem Klang,
Ja es schien, als bleibe der andre Chor
Zurück und der unsrige singe vor.

Jetzt wurde das Lied noch angestimmt
Vom bemoosten Burschen, der Abschied nimmt,
Dem die Brüder noch geben das Geleit,
Da zu Ende der Jugend goldne Zeit;
Hat’s mancher mit nassen Augen gesungen,
Wenn es im trauten Kreis erklungen.
Weicher und weicher klang die Weise,
Und von den Lippen nur noch leise
Flossen die Worte am Liedesschluß:
»Das letzte Glas, den letzten Kuß!
Ade, ade, ade!
Ja Scheiden und Meiden thut weh!«

Nun ward’s still im Nebengemach,
Es verstummte der Lieder rauschender Bach.
Die Lichter drinnen löschte man aus,
Die Nachbarn Zecher gingen nach Haus.
Und wie es so still geworden war,
Verlor sich auch meiner Gesellen Schaar.
Es war Mitternacht. Sie schwanden dahin,
Wie Nebelgebilde sich verziehn,
Wie ein Wölkchen verschwimmt im Mondenschein,
Und am Tische saß ich wieder allein.

Da brach ich auf und gieng gelassen
Langsam heim durch die stillen Gassen
Und nannte mir zählend so im Gehen
Die Namen der Brüder, die ich gesehen,
Der guten Kameraden,
Die der Gesang zu mir geladen,
Der braven, der heitern, so frisch und roth –
Lebt keiner mehr, sind alle todt.

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Gedicht: Gesellschaft von Friedrich Theodor Vischer

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Gesellschaft“ von Friedrich Theodor Vischer beschreibt eine melancholische Reflexion über die Vergänglichkeit von Freundschaft, Jugend und Lebensfreude. Der Erzähler beobachtet zunächst aus der Distanz eine fröhliche Gesellschaft in einem Wirtshaus und verspürt den Wunsch, Teil dieser Gemeinschaft zu sein. Doch er zögert, bleibt lieber allein und summt nur leise mit. Dies deutet bereits auf eine gewisse Distanz und eine melancholische Grundstimmung hin, die das gesamte Gedicht durchzieht.

Die zweite Strophe kippt die Situation: Plötzlich ist der Erzähler von einer eigenen Gesellschaft umgeben, die aus jungen Gesichtern besteht, die anscheinend aus seiner Vergangenheit stammen. Die Beschreibung der strahlenden Gesichter und der ausgelassenen Stimmung kontrastiert stark mit der anfänglichen Einsamkeit des Erzählers. Diese Szene wirkt jedoch fast unwirklich, wie ein Traum oder eine Vision. Das gemeinsame Singen und Feiern verstärken den Eindruck einer heiteren, doch flüchtigen Gemeinschaft.

In der dritten Strophe wird ein Abschiedslied gesungen, das die Vergänglichkeit der Jugend und die Schmerzen des Abschieds thematisiert. Der Erzähler scheint nun Teil dieser Abschiedsfeier zu sein, die durch die weiche Weise und die nassen Augen der Sänger eine tiefe Melancholie auslöst. Diese Emotionen spiegeln die Erkenntnis wider, dass die Jugend und die damit verbundenen Freuden nicht ewig währen.

Die letzte Strophe ist von großer Leere und Auflösung geprägt. Die Gesellschaft in der Nebenstube verstummt, die Lichter werden gelöscht, und auch die imaginäre Gesellschaft des Erzählers löst sich auf wie Nebel. Der Erzähler sitzt am Ende wieder allein da und beschließt nach Hause zu gehen. Die letzte Zeile, in der er die Namen seiner „Freunde“ zählt und feststellt, dass sie alle tot sind, enthüllt die erschütternde Erkenntnis, dass die vermeintlich fröhliche Gesellschaft eine Illusion war und dass die Vergänglichkeit des Lebens und die Trennung vom Vertrauten unausweichlich sind. Das Gedicht ist somit eine tiefgründige Auseinandersetzung mit Verlust und der Suche nach Verbundenheit in einer Welt, die durch den Lauf der Zeit ständig im Wandel ist.

Weitere Informationen

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Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.