Geschlossener Kreis

Friedrich Hebbel

1813

Nicht vermochte die Traube den Wein noch länger zu halten, Als man sie kelterte, war sie dem Zerspringen schon nah; Auch nicht konnte das Faß, das starke, den feurigen fesseln, Wenn man nicht schnell ihn gezapft, hätt′ er sich selber befreit; Noch viel weniger hält ihn der Dichter, der ihn getrunken, Jetzt zurück, als Gedicht fliegt er schon wieder davon; Mög′ es den Hörer berauschen, und mög′ er nicht eher ernüchtern, Bis er Reben gepflanzt, daß sich vollende der Kreis!

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Illustration zu Geschlossener Kreis

Interpretation

Das Gedicht "Geschlossener Kreis" von Friedrich Hebbel beschreibt einen Kreislauf, der sich von der Traube zum Wein und vom Wein zum Gedicht erstreckt. Die Traube hält den Wein nicht ewig gefangen, sondern muss gekeltert werden, bevor sie zerspringt. Auch das Fass kann den feurigen Wein nicht lange fesseln, er will sich befreien. Ebenso wenig kann der Dichter den Wein in Form eines Gedichts festhalten, er fliegt davon. Das Gedicht deutet an, dass der Wein, der den Dichter berauscht hat, wieder gehen möchte, sobald er in ein Gedicht gegossen wurde. Der Dichter wünscht sich, dass der Wein den Hörer berauscht und nicht eher zur Ruhe kommt, als dass der Hörer selbst Reben pflanzt. Damit schließt sich der Kreis, der bei der Traube begann. Die Interpretation des Gedichts legt nahe, dass Kunst und Inspiration vergänglich sind und sich ständig erneuern müssen. Der Dichter kann die Inspiration nicht für immer festhalten, sondern muss sie weitergeben, damit sie neue Künstler hervorbringt. Der Kreis der Inspiration und Kunst soll sich immer wieder schließen, damit die Schöpfungskraft erhalten bleibt.

Schlüsselwörter

mög vermochte traube wein länger halten kelterte zerspringen

Wortwolke

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Stilmittel

Bildlichkeit
das Faß, das starke, den feurigen fesseln
Metapher
Mög' es den Hörer berauschen
Personifikation
hätt' er sich selber befreit
Symbolik
Reben gepflanzt, daß sich vollende der Kreis