Geschichte der Poesie

Novalis

1772

Wie die Erde voller Schönheit blühte, Sanftumschleiert von dem Rosenglanz Ihrer Jugend und noch bräutlich glühte Aus der Weihumarmung, die den Kranz Ihrer unenthüllten Kindheit raubte, Jeder Wintersturm die Holde mied, O! da säuselte durch die belaubte Myrte Zephir sanft das erste Lied.

Eva lauschte im Gebüsch daneben Und empfand mit Jugendphantasie Dieser Töne jugendliches Leben Und die neugeborne Harmonie, Süßen Trieb empfand auch Philomele Leise nachzubilden diesen Klang; Mühelos entströmet ihrer Kehle Sanft der göttliche Gesang.

Himmlische Begeistrung floss hernieder In der Huldin reingestimmte Brust, Und ihr Mund ergoss in Freudenlieder Und in Dankgesängen ihre Lust, Tiere, Vögel, selbst die Palmenäste Neigten staunender zu ihr sich hin, Alles schwieg, es buhlten nur die Weste Froh um ihre Schülerin.

Göttin Dichtkunst kam in Rosenblüte Hoher Jugend eingehüllt herab Aus dem Äther, schön wie Aphrodite, Da ihr Ozean das Dasein gab. Goldne Wölkchen trugen sie hernieder, Sie umfloss der reinste Balsamduft, Kleine Genien ertönten Lieder In der tränenlosen Luft.

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Interpretation

Das Gedicht "Geschichte der Poesie" von Novalis beschreibt die Entstehung der Dichtkunst als einen natürlichen und göttlichen Prozess. Es beginnt mit der Darstellung einer jungen, schönen Erde, die noch in ihrer Unschuld und Jugendblüte steht. In dieser idyllischen Szenerie ertönt das erste Lied, gesäuselt vom Zephir durch die Myrte, was den Beginn der poetischen Ära symbolisiert. Eva, die als erste Zuhörerin dargestellt wird, empfindet die jugendliche Lebendigkeit und Harmonie dieser Töne. Auch die Nachtigall, Philomele, wird von diesem süßen Trieb ergriffen und beginnt, den Gesang nachzuahmen. Die Poesie breitet sich aus und wird zu einem göttlichen Ausdruck der Freude und Dankbarkeit, den auch die Natur um sie herum bewundert und ehrt. Schließlich erscheint die Göttin Dichtkunst selbst, verglichen mit Aphrodite, in ihrer vollen Pracht und Schönheit. Sie kommt aus dem Äther herab, umgeben von Rosenblüten und goldenen Wölkchen, getragen von kleinen Genien, die Lieder in der reinen Luft singen. Dies symbolisiert den Höhepunkt der poetischen Schöpfung und die Vollendung der Dichtkunst als göttliches Geschenk an die Menschheit.

Schlüsselwörter

jugend sanft empfand hernieder erde voller schönheit blühte

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Stilmittel

Metapher
Göttin Dichtkunst kam in Rosenblüte
Personifikation
Goldne Wölkchen trugen sie hernieder
Vergleich
schön wie Aphrodite