Gesang zur Dämmerung

Emmy Hennings

1916

Oktaven taumeln Echo nach durch graue Jahre, Hochaufgetürmte Tage stürzen ein, Dein will ich sein - Im Grabe wachsen meine gelben Haare Und in Holunderbäumen leben fremde Völker, Ein blasser Vorhang raunt von einem Mord. Zwei Augen irren ruhelos durchs Zimmer, Gespenster gehen um beim Küchenbord. Und kleine Tannen sind verstorbene Kinder, Uralte Eichen sind die Seelen müder Greise, Die flüstern die Geschichte des verfehlten Lebens, Der Klintekongensee singt eine alte Weise. Ich war nicht vor dem bösen Blick gefeit, Da krochen Neger aus der Wasserkanne, Das bunte Bild im Märchenbuch, die rote Hanne Hat einst verzaubert mich für alle Ewigkeit.

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Illustration zu Gesang zur Dämmerung

Interpretation

Das Gedicht "Gesang zur Dämmerung" von Emmy Hennings thematisiert die Vergänglichkeit des Lebens und die Präsenz des Todes. Die "Oktaven taumeln Echo nach durch graue Jahre", was die flüchtige Natur der Zeit und der Erinnerungen verdeutlicht. Die "hochaufgetürmten Tage stürzen ein" und der Sprecher möchte dem Tod gehören, was auf eine tiefe Beschäftigung mit dem eigenen Ende hindeutet. Die "gelben Haare" im Grab und die "fremden Völker" in den Holunderbäumen symbolisieren die Verwandlung und das Weiterleben in einer anderen Form nach dem Tod. Die Atmosphäre des Gedichts ist von Unruhe und Unheimlichkeit geprägt. "Zwei Augen irren ruhelos durchs Zimmer" und "Gespenster gehen um beim Küchenbord" schaffen ein Bild von anhaltender Präsenz und Beobachtung, auch nach dem Tod. Die "kleinen Tannen" als verstorbene Kinder und die "uralten Eichen" als Seelen müder Greiser verleihen der Natur eine metaphysische Bedeutung und verbinden sie mit dem menschlichen Leben und Tod. Der "Klintekongensee" singt eine "alte Weise", was auf die Kontinuität und die ewige Wiederkehr der Geschichten und des Lebens hinweist. Die letzte Strophe des Gedichts bringt eine persönliche und intime Note ein. Der Sprecher war "nicht vor dem bösen Blick gefeit", was auf eine Verletzlichkeit und die Unfähigkeit, sich vor dem Einfluss des Bösen zu schützen, hindeutet. Die "Neger" aus der Wasserkanne und das "bunte Bild im Märchenbuch, die rote Hanne" symbolisieren kindliche Ängste und die Macht der Vorstellungskraft, die den Sprecher "für alle Ewigkeit" verzaubert hat. Dies zeigt, wie frühe Erfahrungen und Ängste das ganze Leben prägen und bis in den Tod begleiten können.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Hyperbel
Da krochen Neger aus der Wasserkanne
Metapher
Hat einst verzaubert mich für alle Ewigkeit
Personifikation
Der Klintekongonsee singt eine alte Weise
Symbolik
Das bunte Bild im Märchenbuch, die rote Hanne